Kein Alarm im Weltall

SF-Parodie
von Maja Ilisch

Episode I

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Zehn


»Darf ich wieder Psychopath sein?« fragte Ignatz.
»Du warst die letzten fünf Male Psychopath«, sagte Eliot. »Man sollte meinen, du wärst es allmählich leid.«
»Ich bin liebend gern Psychopath«, erklärte Ignatz mit dem Brustton der Überzeugung. »Die Alternative wäre das Modell ‘Dämlich’. Einmal und nie wieder. Nein, nein, ich bin wieder Psychopath.«
»Einen Moment mal!« rief Lucy. »Mit welcher Selbstverständlichkeit gehst du davon aus, daß du jedesmal Schurke sein darfst? Jeder hat ein Recht darauf. Und der Flokati paßt dir genauso gut wie mir.«
»Das ist gelogen! Er ist mir viel zu groß!«
»Ich bitte um Ruhe!« sagte Hans. »Ich dachte, daß hätten wir inzwischen ausdiskutiert. Wir bleiben natürlich bei der bewährten Besetzung. Keine Experimente, solange es so gut läuft wie bis jetzt. Eliot gibt den charismatischen Schurken und Ignatz den uncharismatischen, und von mir aus kann er so psychopathisch sein wie er will. Du mußt zugeben, Lucy, daß es Verschwendung wäre, ihn in den Flokati zu stecken. Vergiß niemals, daß du keine Schauspielerin bist, wie Ignatz oder Eliot. Ich bin es doch auch nicht. Also bleiben die Guten an uns hängen. Das ist nun einmal so.«
Sie saßen in Eliots Küche und bereiteten den nächsten Einsatz vor. Wer sie am Tisch sitzen sah, hätte niemals gedacht, daß es sich hierbei um sämtliche Mitglieder der United Heros Corporation handelte. Hans Olo hätten natürlich die meisten erkannt, auch wenn er seinen Cowboyhut gerade nicht aufhatte. Hinter diesem sympathisch aussehenden jungen Mann mit Zöpfchen und Dreitagebart* waren die Mädchen in mindestens siebzehn Sonnensystemen her, und sein Bild mit Autogramm hing in vielen Kinderzimmern. Aber die anderen?
Gewiß, diese junge Frau war schon öfters mit Hans gesehen worden; sie hatte sich in einigen Einsätzen an seiner Seite bewährt, so daß die Mädchen in mindestens siebzehn Sonnensystemen auf sie eifersüchtig waren. Aber sie war nicht blond genug, um eine ernste Gefahr darzustellen. Und der einsame Streiter ließ sich sowieso niemals mit Frauen ein - so hieß es jedenfalls.
Aber wo war Tabaccso? Und wer waren dieser atemberaubend schöne Mann mit dem markanten Kinn und den buschigen schwarzen Augenbrauen über blaublitzenden Augen? Oder dieser andere Typ mit dem dunkelblonden Haar, der nach absolut gar nichts aussah?
Nun, genau das waren die United Heros.


Sie waren Profis. Man konnte es gar nicht anders nennen. Angefangen hatten sie mit Spielzeugpistolen und einem halbverrosteten Raumschiff, jetzt hatten sie Lichtschwerter und ein halbverrostetes Raumschiff. Das halbverrostete Raumschiff war ein Muß. Es wäre nicht angegangen, daß Hans Olo, der Weitgehend Einsame Streiter, im Kampf gegen das intergalaktische Böse ein Raumschiff geflogen hätte, daß nicht von der Korrosion mindestens so sehr bedroht war wie von den Laserkanonen der Bösen. Die Bösen mußten ihre Raumschiffe natürlich immer auf dem neusten Stand halten. Das Raumschiff eines Bösen muß nur so glitzern und glänzen.
Auch ihre Kostüme und Masken hatten sich von den ziemlich dilettantischen Versuchen der Anfangszeit zu aufwendigster Ausrüstung gewandelt. Aber sie konnten es sich leisten. In dem Job verdiente man nicht übel.
Der letzte Einsatz hatte ihnen hunderttausend IG-Dollar eingebracht. Pro Nase.
Allerdings war der IG-Dollar auch schon mal mehr wert.


Sie gingen denkbar einfach vor: Sie befreiten Planeten von feindseligen Mächten, die sie bedrohten. Ein durchaus löbliches Unterfangen, und durchaus verständlich, daß man den Helden hinterher eine kleine Belohnung auszahlen sollte, als Aufwandsentschädigung. Und schnell formieren sich Hans-Olo-Fanclubs. Kaum ein Mädchen, daß nicht gerne mit Lucy Anakin den Platz getauscht hätte.
Schade nur, daß eigentlich im All ein allgemeiner Mangel an genügend feindseligen Mächten herrscht, um den Standart aufrechtzuerhalten. Und an dieser Stelle kommen nun Eliot Lodengreen und Ignatz Perkins ins Spiel.
Sie hatten ganz am Anfang ausgemacht, daß Hans der Held sein durfte, weil er gut aussah. Und daß Eliot** der Schurke sein durfte, weil er besser aussah. Mit diesen unglaublichen Augenbrauen konnte er so schurkisch gucken wie kaum ein zweiter - Hans hätte jedenfalls niemals an ihn herangereicht. Nun darf ein intergalaktischer Bösewicht natürlich nicht Lodengreen mit Nachnamen heißen. Darum hatte Eliot sich ein Pseudonym zugelegt: Der Finstere Eliot Lode. Der Name war allerdings das einzige, was bei jedem Einsatz gleich blieb. Eliot war ein Meister der Maske, und das war auch gut so. Es wäre aufgefallen, wenn der Böse, den Hans gerade erst besiegt und in seine eigene Dimension zurückgeschickt hatte, zwei Wochen später bereits den nächsten Planeten besetzte. Eliot hätte sich auch Unmengen neuer Namen ausdenken können, aber er hatte einen etwas eigenwilligen Sinn für Humor. Er wollte abwarten, ob es irgend jemandem auffiele. Bis jetzt war es noch niemandem aufgefallen.
Und dann war da natürlich noch der kleine sadistische Commander Perkins mit dem unangenehmen Lächeln und den kalten Augen. Ignatz war eigentlich nicht viel kleiner als Hans, aber er hatte eine Art, die Schulterblätter zusammen- und den Kopf einzuziehen, etwa wie ein Geier, und plötzlich hatte er die Statur eines sehr viel kleineren Mannes. Dazu machte er etwas Undefinierbares mit seinen Mundwinkeln und mit den Augen und verwandelte sich von dem durchschnittlichen, aber durchaus sympathischen Ignatz P. in Commander Perkins, den Psychopaten. Er brauchte keine Maske. In dieser Hinsicht war er ein Naturtalent, wenn auch etwas einseitig, was die Wahl seiner Rollen anging.
Die Beiden haben es verdient, daß man einmal etwas näher auf sie eingeht. Denn es waren immer nur Hans und Lucy, die Ruhm und Ehre einstecken durften. Aber man kennt das ja: Die Bösen haben immer die besseren Rollen.
»O bitte, sag nicht, daß es dort eine Prinzessin gibt!« flehte Lucy Hans an, der gerade noch einmal seine Unterlagen über den Planeten Apura durchging. Dort sollte der nächste Einsatz sein, und die United Heros kamen nicht darum herum, perfekt vorbereitet zu sein. Als Profis konnten sie es sich gar nicht anders erlauben. Gewiß, sie nahmen den Herrschern dieser Planeten unter Vorspiegelung falscher Tatsachen eine ganze Menge Geld ab, und eigentlich war es ein Wunder, daß ihre Portraits noch nicht in der Sendung »Nepper, Schlepper, In-der-Erde-wühlende-und-grunzende-Bewohner-des-Planeten-Waldo-Fänger« im ganzen Universum gesendet wurden, aber jeder mußte zugeben, daß sie ihren Opfern eine grandiose Show boten. Man bekam durchaus etwas für sein Geld.
»Es gibt eine Prinzessin«, erklärte Hans und zog aus seinem Zettelstapel ein Foto, das er Lucy reichte. »Prinzessin Hanuta.«
»Sie ist blond«, sagte Lucy angewidert. »Und in diesen Augen könnte eine Kuh ertrinken.«
»Es tut mir herzlich leid für dich«, sagte Hans, »aber ich fürchte, an dir bleibt wieder einmal der gute Tabaccso hängen. Nichts für ungut, aber Prinzessinnen neigen nun einmal dazu, Helden nur dann zu trauen, wenn sie nicht von einem schönen Mädchen, sondern einem grunzenden Alien begleitet werden.«
»Pah!« schnaubte Lucy. Dann sah sie zu den beiden Schurken hinüber, die eifrig miteinander flüsterten. »He, was gibt es da zu tuscheln? Wenn ihr abfällige Bemerkungen über mich machen müßt, macht sie laut!«
»Haben wir abfällige Bemerkungen über sie gemacht?« fragte Eliot unschuldig.
»Du bringst da etwas durcheinander, Schätzchen«, erklärte Ignatz. »Ich bin derjenige, der hier die Psychopaten gibt. Überlaß also den Verfolgungswahn getrost mir. Wir haben nur unser Aussehen für diesen Einsatz abgesprochen.«
»Soll das heißen, es gibt Veränderungen am Auftreten von Commander Perkins? Wird er den Orden Für Besonderen Sadismus diesmal auf der rechten statt auf der linken Seite tragen?« Der Gedanke, wieder einmal das stickige Flokatikostüm tragen zu müssen, hatte Lucy in eine ziemlich geladene Stimmung versetzt. Sonst neigte sie nicht zu Sarkasmus. Das überließ sie Eliot.
»Wie kannst du so etwas nur denken! Ich wollte Ignatz dazu überreden, daß er einmal ein Paar von diesen irren Kontaktlinsen ausprobiert, die ich mir angeschafft habe. Commander Perkins sähe mit orangenen Augen umwerfend aus. Oder vielleicht auch mit einem blauen und einem grünen. Oder Gelb.«
Ignatz hatte sehr helle Augen, bei denen farbige Kontaktlinsen wirklich einen erstaunlichen Effekt gehabt hätten. Aber nur mit diesen hellen Augen konnte er so unglaublich kalt blicken. Und er war nicht bereit, von seiner bewährten Rolle auch nur einen Deut abzuweichen. Durch ihn hatte sich Commander Perkins zu einem erschreckend realen Charakter entwickelt, und die anderen befürchteten manchmal, Ignatz könne anfangen, sich zu sehr mit seiner Rolle zu identifizieren. Aber zwischen den Einsätzen gab ihnen Ignatz wenig Anlaß zu dieser Sorge. Der eigentliche Ignatz Perkins hatte mit dem psychopathischen Commander weitaus weniger gemeinsam als Eliot Lodengreen mit dem Finstern Eliot Lode.
Das mit dem Flokati muß natürlich auch etwas näher erläutert werden. Wie so ziemlich jeder weiß, hat Hans Olo, der Weitgehend Einsame Streiter, einen tapferen und unglaublich haarigen Alien, der ihm zur Seite steht. Sein Name ist Tabaccso der Flokati, und leider beherrscht er die menschliche Sprache nicht. Er kann sich nur mit Hilfe diverser Grunzlaute verständigen. Dies mußte eingeführt werden, weil es die Leute gewundert hätte, wenn ein derart haariger und folglich maskuliner Alien mit Lucys Mezzosopranstimme gesprochen hätte. Lucy mochte die Rolle des Außerirdischen nicht besonders, weil sie wenig her gab und es unter dem Kostüm (das ursprünglich einmal vor einem Bett gelegen hatte) immer unglaublich heiß war. Aber eine weibliche Begleiterin für Hans wäre undenkbar gewesen, wenn es auf dem zu rettenden Planeten eine unverheiratete Prinzessin gab. Diese pflegten sich nämlich nur an solche Helden mit Bitte um Hilfe zu wenden, die noch nicht in fester Hand zu sein schienen. Lucy liebte alle Planeten, auf denen es so etwas wie Prinzen gab.



*Das ist keine Anspielung auf Thomas Stearns.

**Das ist auch keine Anspielung auf Thomas Stearns.

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