Kein Alarm im Weltall

SF-Parodie
von Maja Ilisch

Episode X

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Eins


Mit gelangweilter Miene hörte sich Lucilla den Vortrag Denchs bis zum Ende an. Der Mann war ein ausgezeichneter Stratege - was offenbar zuvor noch niemandem aufgefallen war -, und auch die Reden, die er für sie schreib, waren durchaus brauchbar. Aber es war eine Qual, ihm selbst länger als zwei Minuten zuhören zu müssen. Seine dünne, leicht näselnde Stimme hatte immer etwas Weinerliches an sich, und überhaupt war der Mann mit dem Sauertöpfischen Gesichtsausdruck nicht gerade ein erfreulicher Anblick. Aber sie würde sich hüten, ihn deswegen nicht zu beachten. Mit Dench als Planer und Eberhardt als Befehlshaber hatte sie zwei gute Männer an der Hand, die sie brauchen konnte.
Sicher würde Hans bald kommen und versuchen, sie zu befreien. Das war sicher ganz reizend von ihm, aber Lucy hoffte insgeheim, daß er sich damit noch ein wenig Zeit lassen würde. Eine Gelegenheit wie diese bekam sie so schnell nicht noch einmal, und es wäre ein Jammer, den Spaß so schnell wieder aufzugeben.
Überhaupt würde sie einige Sachen klarstellen müssen. Den Flokati hatte sie zum letzten Mal getragen. Wenn die anderen Wert darauf legten, daß sie weiterhin die Steaming Freezer verarztete, mußten sie ihr diverse Zugeständnisse machen. In Zukunft stand Lucy auf der Seite der Schurken. Wenn Ignatz so schnell kalte Füße bekam, war es sicher besser, er stand Hans als Retter zur Seite.
Lucilla bemerkte, daß Dench geendet hatte und sie erwartungsvoll ansah. »Und?« fragte sie ungnädig. »Was wollen Sie noch?«
Dench schluckte sichtbar. »Nun … nichts, Mylady.«
»Gut. Dann gehen Sie, und kümmern sie sich um die Rekrutierung.«
Sie lächelte in sich hinein. So war es gut. Wie sie geplant hatte. Apura fraß ihr aus der Hand.


»Gute Neuigkeiten!« verkündete Hans freudestrahlend. »Keith und Hanuta haben sich verlobt, und ich habe endlich die Zusage von einem Klinikum, das Iwan aufnehmen will.«
»Das wurde auch langsam Zeit«, entgegnete Ignatz. »Er gehört in ärztliche Behandlung, und uns fehlt die Ausbildung dazu. Wißt ihr, für was er mich hält? Seinen Sekretär.«
»Na, das ist doch hervorragend!« warf Eliot ein. »In mir sieht er den Kabinensteward. Anstrengend, könnt ihr mir glauben.«
»Ich meine Sekretär«, sagte Ignatz. »Im Sinne von Schreibtisch.«
»Und Lucy«, meinte Hans wehmütig, »war für ihn immer nur ein Bettvorleger.«
»Er kannte sie nur als Tabaccso. Und Tabaccso ist ein Bettvorleger.«
Eliot seufzte. »Laßt uns das Thema wechseln.« Die beiden anderen Männer nickten. »Was ich vorschlagen wollte«, fuhr Eliot fort, »ist folgendes: Wir können Lucy sehr viel einfacher befreien, wenn wir uns zuvor Keith und Konsorten vom Hals schaffen. Und da wir jetzt beschlossen haben, auf das Geld zu verzichten und Hanuta nicht zu inthronieren, ist das ganz einfach. Wir vereinigen einfach Keith mit seiner Familie.«
Hans und Ignatz starrten ihn auf eine Weise an, bei der nicht ganz klar war, ob sie nun Be- oder Entgeisterung zum Ausdruck bringen sollte. »Du meinst - Palladam XII?« fragten sie ihm Chor.
Eliot nickte. »Ich meine Palladam XII.«
Hans sah immer noch entsetzt aus, aber Ignatz begann leise zu kichern, auf Commander Perkins’ niederträchtige Weise. »Das«, sagte er mit einem zufriedenen Lächeln, »ist so ziemlich das Böseste, was ich jemals gehört habe.«
»Das ist es nicht!« verteidigte sich Eliot. »Wir haben Onkel Henry und Tante Em dort ein nettes kleines Häuschen angemietet - auf ihren Namen, und ihren Kredit, versteht sich - und außerdem haben sie eine reelle Chance, eines Tages nach Apura zurückzukehren.«
»So?« fragte Ignatz, immer noch lächelnd. »Haben sie das?«
Eliot konnte nicht anders als schmunzeln. »Wenn du so direkt fragst - Nein.«


Stirnrunzelnd blickte Lucilla auf die Nachricht, die das Display ihres kleinen Senders anzeigte. 
‘MACH DIR KEINE SORGEN. ES KOMMT ALLES IN ORDNUNG. WIR HOLEN DICH DA BALD RAUS. HANS.’
Wie lange hatte das Gerät wohl in ihrer Nachttischschublage gelegen und vor sich hin geblinkt, bis sie auf die Idee gekommen war, noch einmal danach zu schauen? Hoffentlich nicht lange. Wenn die Botschaft zu alt war, konnte sie bedeuten, daß sie schon in ein bis zwei Tagen Hans im Schloß hätte - gerade, wo es wirklich nett zu werden begann.
Lucilla zuckte die Schultern und drückte den kleinen Knopf, um die Meldung zu löschen. Dann legte sie den Sender in die Schublade zurück.


Der Flug ins Palladam-System war zum Glück problemlos verlaufen - weil sie der Freezer ständig gut zugeredet hatten, und weil Hans auf die gute Idee gekommen war, vor dem Aufbruch nachzutanken. Das Klima an Bord war sehr viel angenehmer, seit sie den alten Mann in dem Heim abgeliefert hatten. Freundliche Schwestern mit nicht ganz so freundlichen Spritzen hatten sofort die Pflege übernommen, und Iwan selbst hatte keine Einwände gegen die neue Unterbringung gehabt, nachdem man ihm zusicherte, daß er den kleinen Staubsauger behalten durfte. NO3 selbst schien über diese Wendung des Geschehens nicht unglücklich zu sein, dem frenetischen Piepen und Pfeifen zufolge. Nur Ignatz hatte wieder einmal einen Grund, sich zu beschweren.
»Warum konnte er nicht auch noch SO4 behalten?« jammerte er. »Jetzt muß ich ihn bis Palladam ertragen!«
Offensichtlich hatte der Verlust von R3 in ihm so etwas wie eine Abneigung gegen Androiden hervorgerufen, die seinen Freunden ein wenig Sorge bereitete. Aber das würde sich schon wieder legen. Nach der Befreiung von Lucy würden sie alle einen schönen, langen Urlaub machen, und dann war alles wieder in Ordnung.
Rein äußerlich war Palladam XII Apura nicht einmal so unähnlich, vor allem, was die Vegetation anging. Keith war schon aus der Freezer gesprungen und rannte laut jubelnd über den Rübenacker auf das kleine graue Haus zu, in dem er mit etwas Glück seine Verwandten wiedertreffen würde. Als wahrer Gentleman half Lonso der Prinzessin beim Aussteigen.
»So«, sagte Hans. »Das war’s. Ich wünsche euch beiden viel Glück für die Zukunft. Aus Ihnen wird sicher eine gute Bäuerin, Hoheit.«
Hanuta schluckte. »Wie … das war’s? Noch bin ich nicht wieder die Herrscherin über Apura. Ich hatte gedacht, Sie wollten den Planeten retten!«
Hans lächelte. »Ich glaube, gerade habe ich genau das getan.«
Aus gutem Grund hatte Ignatz die Freezer nicht verlassen. Kaum, daß auch H2SO4 ausgestiegen war, startete er den Motor durch (auf diesem Planeten durften sie nicht riskieren, ihn ausgehen zu lassen), und Hans und Eliot konnten gerade noch an Bord springen, als der majestätische Rosthaufen abzuheben begann.
»Frei!« jubelte Eliot, während er sich den Schnäuzer aus dem Gesicht zupfte. »Endlich frei!«
Ignatz schleuderte die ordenbesetzte Jacke des Commanders in eine Ecke und setzte singend das Kaffeewasser auf. Nur Hans war schweigsam, während sie nach Apura zurückflogen. Er dachte an Lucy.


Eine ungute Vorahnung brachte Lucilla dazu, noch einmal nach dem Sender zu sehen. Hans schickte ihr anscheinend eine Botschaft nach der anderen. Vielleicht war es an der Zeit, ihn zu antworten.
‘SEI BEREIT’, las sie. ‘HEUTE NACHT HOLEN WIR DICH RAUS.’


»Sie muß doch endlich einmal reagieren!« rief Hans. »Wenn ihr nun etwas zugestoßen ist! Wenn diese Schurken sie nun -«
»Setz dich hin!« fauchte Ignatz. »Du treibst mich noch wirklich in den Wahnsinn mit deiner Hektik! Glaubst du vielleicht, Eliot und ich machen uns keine Sorgen? Aber man muß nicht gleich mit dem Schlimmsten rechen.«
»Vielleicht ist nur ihr Empfänger kaputt«, fügte Eliot hinzu. »Die Batterien könnten leer sein.«
»Das ist kein Problem für Lucy!« Hans schien den Tränen nahe zu sein. »Sie kann alles reparieren.«
»Nicht, wenn sie es verloren hat«, warf Ignatz ein. Das schien den Jetzt Erst Recht Einsamen Streiter tatsächlich etwas zu beruhigen. »Egal, was passiert, heute nacht brechen wir in der Schloß ein und holen sie raus.«
Es war definitiv überflüssig von Eliot, mit düsteren Stimme zu murmeln: »Oder das, was von ihr übrig ist.«


Noch eine Botschaft, diesmal zumindest angenehm kurz: ‘LUCY, BITTE MELDE DICH!’
Jetzt mußte sie es tun. Ihre Finger zitterten ein wenig, als sie ihre Antwort eintippte, und sie zögerte, auf den Sendeknopf zu drücken. Ein Klopfen an ihrer Tür ließ sie aufblicken.
»Ja, was ist? Warum stören sie mich?«
Corporal Eberhardt war sichtlich nervös. »Mylady, die neuen Soldaten … sie erwarten Ihre Ansprache.«
Natürlich! Wie hatte sie das nur vergessen können! »Einen Moment, ich komme sofort.«
Mit einem letzten Schulternzucken schickte Lucilla ihre Antwort ab, bevor sie ging, um die Rekruten zu inspizieren.


Fassungslos starrten Hans, Ignatz und Eliot auf die zwei kurzen Worte, die in dem Sichtfenster flimmerten.
‘VERGISS ES.’ Sonst nichts.
Ignatz war der erste, der seine Sprache wiederfand. »Ich wußte es!« schrie er. »Und sagt nicht, ich hätte euch nicht oft genug gewarnt! Lucy ist keine Schauspielerin! Sie kann die Rolle der Bösen nur spielen, indem sie selbst böse wird! Und jetzt will sie vermutlich das Weltall erobern!«
»Sei still!« fuhr ihn Eliot an. »Mal nicht immer alles schwarz!« Aber insgeheim wußte er, daß sein Freund Recht hatte. Wenn sogar er selbst kurz davor gestanden hatte, endgültig zu Eliot Lode zu werden - und das hatte er, auch wenn er weit davon entfernt war, es öffentlich zuzugeben - dann mußte die Verlockung für Lucy noch weitaus größer sein. Sie hatte wirklich überzeugend gewirkt, als sie plötzlich als seine Schwester im Schlafzimmer stand. »Sie wollte doch so gerne mal einen Schurken spielen. Lassen wir ihr die Freude. Vermutlich wird es ihr bald langweilig.«
Hans sagte immer noch nichts. Er blickte auf den kleinen Sender in der Hand, als ob es auf der Welt (in diesem Fall Apura) sonst nichts anderes gebe. Aber plötzlich fuhr er hoch.
»Was steht ihr hier so dumm rum wie die Ölgötzen? Worauf wartet ihr noch! Jetzt müssen wir sie erst recht befreien!«


Lucilla seufzte. Der bedauerliche Vorfall vom Nachmittag zerrte immer noch an ihren Nerven. Bewaffnete Rebellen, die versuchten, in den Imperialen Palast einzudringen, um sie zu entführen! Gut, daß ihre Wachen auf die Gefahr gut vorbereitet gewesen waren.
»Mylady, ich denke immer noch, daß es ein Fehler war, sie nicht festzunehmen. Sie werden es bestimmt noch einmal versuchen.«
»Na und?« erwiderte Lucilla. »Gönnen sie ihnen das Vergnügen. Sie werden wieder scheitern.« Dann erst ging ihr auf, was Dench da gerade gesagt hatte. Moment mal! »Muß ich mich vor Ihnen etwa rechtfertigen?« fragte sie so leise und bedrohlich, wie selbst der berühmte Commander Perkins es nicht besser fertiggebracht hätte. »Wagen sie es etwa, meine Entschlüsse anzuzweifeln?«
Dench erbleichte, so das bei seiner Gesichtsfarbe noch weiter möglich war. »Nein, Mylady.«
»Dann ist es ja gut. Ich will den Vorfall vergessen. Also sprechen sie ihn nie wieder an, ist das klar?«
Vielleicht hatte sie tatsächlich einen Fehler begangen. Vielleicht war sie wirklich zu sentimental gewesen. Aber im entscheidenden Moment hatte sie es nicht über sich gebracht, den Schußbefehl zu geben. Schließlich war Lucy keine Mörderin.
Ihr privates Handy klingelte und riß Lucilla aus ihren Gedankengängen. Wahrscheinlich war es Eberhardt. Nur wenige kannten ihre geheime Nummer.
»Hans, du?« Lucilla schnappte nach Luft. »Wie kommst du -«
»Ich stehe in einer Telefonzelle«, erklärte Hans. Seine Stimme klang abgehetzt, was nicht verwunderlich war. »Ich habe der Auskunft erklärt, es geht um Leben und Tod, und da haben sie mir schließlich deine Nummer gegeben.«
So, hatten sie das? Dann sollte sie sich schleunigst um diese Auskunft einmal kümmern. »Was willst du?«
»Ich muß unbedingt mit dir reden! Was sollte -«
»Es gibt nichts mehr zu bereden«, erwiderte Lucilla. »Eure Bemühungen sind zwar ganz reizend, aber sie werden zu nichts führen. Ich habe meine Entscheidung getroffen.«
»Du willst wirklich auf Apura bleiben?« in Hans’ entsetzte Stimme mischte sich ein aufgebrachtes Hintergrundgemurmel. Offenbar versuchte auch Ignatz und Eliot, dem Telefonart zu folgen.
»Ja, das werde ich.« Lucilla lächelte.
»Hör mir zu, Lucy!« flehte Hans. »Du darfst nicht hierbleiben! Du mußt mit uns kommen!«
»Ja«, erwiderte sie verächtlich. »Um wieder in einen stinkenden Flokati gesteckt zu werden und zu grunzen. Das hättet ihr euch wohl so gedacht.«
»Nein, du verstehst das falsch. Es wird keine Flokatis mehr geben in Zukunft. Wir fangen noch einmal komplett von vorne an, mit etwas Neuem. Dieses Planeten-Erobern ist zu riskant geworden.«
»So? Ich fand es ziemlich einfach. Vielleicht habt ihr es nur nicht richtig angestellt?«
Nun mischte sich langsam Wut in Hans Gewinsel. »Du mir nicht zuhören, das ist es! Wir haben dich wahrscheinlich schlecht behandelt, aber das ist nun vorbei! Wir brauchen dich! Ich brauche dich!«
»Du brauchst mich?« fragte sie kalt zurück. »Und warum?«
Jetzt wurde es langsam Zeit, daß er es endlich sagte. Aber das andere Ende der Leitung blieb stumm.
»Nun? Ich warte.«
»Verdammt, Lucy, es ist … ich liebe dich!«
»Da hast lange gebraucht, um das einzusehen«, sagte Lucilla ruhig.
Dann legte sie auf.

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