Kein Alarm im Weltall

SF-Parodie
von Maja Ilisch

Episode II

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Neun


Prinzessin Hanuta von Apura drehte und wendete sich vor dem Spiegel. Sie hatte gerade zum ersten Mal ihr neues Kleid anprobiert und war hellauf begeistert. Es war rosa und harmonierte auf die wunderbarste Weise mit ihrem Herzmund und den rosigen Wangen. Eigentlich trug die Prinzessin immer rosa. Irgendwo gab es wahrscheinlich einen intergalaktischen Kodex, der Prinzessinnen das Tragen anderer Farben untersagte, denn in ihrem ganzen Leben hatte sie noch kein Mädchen von königlichem Geblüt getroffen, das beispielsweise blau oder grün getragen hätte. Und alle waren sie blond. Aber Hanuta war mit Abstand die Schönste von ihnen.
»Herein!« trällerte die Prinzessin, als es an der Tür klopfte. Wahrscheinlich war es ihre Zofe, die das Kleid gebührend bewundern konnte. Oder ein junger Prinz kam, um um ihre Hand anzuhalten. Oder der Klempner wollte endlich die Heizung reparieren.
Es war der Prinz. Hanuta betrachtete ihn interessiert. Es war keiner, den sie zuvor getroffen hatte. Dieser sah bedeutend besser aus als die letzten Bewerber. Es hatte ziemlich viele gegeben in letzter Zeit, da Hanuta nach altem Recht erst dann Königin werden konnte, wenn sie sich einen königlichen Gemahl nahm. Bis dahin würde der Planet Apura ohne Königin auskommen müssen.
»Gestattet, daß ich eintrete«, sagte der Prinz und küßte ihr die Hand. Sie errötete mädchenhaft. »Ich bin Lord Eliot Lode, und ich fühle mich geehrt, Eure Bekanntschaft zu machen.«
Seine Augen waren von einem unglaublich intensiven Blau, noch blauer als ihre, wie sie mit einem ganz leichten Anflug von Neid feststellte. Seine Gesichtszüge waren makellos geschnitten, und seine Haut war so weiß wie das lange, glatte Haar, das von einem feinen Silberreif zurückgehalten wurde. Alles andere an ihm war schwarz: Sein Wams, seine hautenge Hose, seine hohen Stiefel und seine unglaublich geschwungenen Augenbrauen.
»Ich komme mit einer großen Bitte an Euch«, fuhr er fort. »Ihr seid die Prinzessin von Apura, und wenn Ihr auch noch nicht Königin seid, so obliegt Euch doch eine große Verantwortung für Euer Volk. Um selbiges zu schützen, fordere ich Euch auf, Euch unverzüglich unter meinen … Schutz zu begeben.«
»Wollen Sie mich damit bitten, Sie zu heiraten?« fragte die Prinzessin, die es bevorzugte, wenn ein Mann sich klar und verständlich ausdrückte.
»Unter Anderem. Was ich Euch eigentlich zu verstehen geben wollte ist, wenn Ihr Euch vernünftig verhaltet, ersparen wir ein unnötiges Blutvergießen, wenn ich die Herrschaft über diesen Planeten übernehme. Werdet meine Frau, und niemandem auf diesem Planeten wird auch nur ein Haar gekrümmt werden.«
»Niemals! Sie können mich nicht zwingen. Und die Herrschaft über Apura werden Sie nie erlangen. Nur über meine Leiche.«
Eliot schüttelte mißbilligend den Kopf.
»Von einer Regentin wie Euch hätte ich mehr Vernunft erwartet. Ihr zwingt mich wirklich dazu, Dinge zu tun, die ich hinterher bereuen könnte. Obwohl das nur rein hypothetisch ist. Bis jetzt habe ich noch nie im Leben etwas bereut.«
»Dann wollen Sie mir also drohen? Sie haben doch nicht einmal eine Waffe! Für wie dumm halten Sie mich eigentlich? Ich brauche nur zu schreien, und schon sind meine Palastwachen hier im Raum, um Euch niederzumachen!«
Der Finstere Eliot Lode brach in ein schurkisches Lachen aus.
»Wenn Ihr das tut, Prinzessin, dann wird nichts aus unserer Heirat. Denn dann sehe ich mich leider genötigt, Euch aus dem Weg zu räumen, und mich selbst zum neuen Herrscher über Apura ausrufen zu lassen. Das hatte ich eigentlich die ganze Zeit im Hinterkopf. Wenn ich es genau überlege, brauche ich eigentlich gar keine Frau. Obwohl ich in Euch eine besonders hübsche gefunden hätte. Noch könnt Ihr es Euch überlegen.« Eliot machte eine vielsagende Pause und hoffte, daß sie jetzt bloß keinen Mist bauen würde. Nicht auszudenken, wenn er plötzlich heiraten mußte und bis an sein Lebensende als Prinzgemahl auf diesem nicht besonders interessanten Planeten festgesessen hätte! »Und was meine Bewaffnung betrifft, nun, da muß ich Euch leider mitteilen, daß Ihr Euch getäuscht habt. Dies ist ein Lichtschwert. Dies ist ein Laser. Und dies ist Commander Perkins.«


Keith gab den Kampf mit der Rübe auf. Sie saß zu fest im Boden, und es war ein Ding der Unmöglichkeit, sie herauszuziehen. Zumindest für einen Menschen. Er würde NO3 mit der Sache beauftragen. Zu irgend etwas mußte sein neuer Androide schließlich gut sein!
»Master Keith! Master Keith!« Der andere Androide kam über den Acker auf ihn zu. Es war entwürdigend. Warum konnte er ihn nicht ‘Mr. Svensson’ nennen, so wie seinen Onkel? Immerhin war er erwachsen. Na ja, fast …
»Master Keith, Sie sollen sofort zu Ihrer Tante kommen! Es eilt!«
Natürlich eilte es! Tante Em brauchte immer jemanden, der den Boden fegte, Fenster putzte, Rüben kleinschnitt oder Wolle wickelte. Onkel Henry dagegen brauchte ihn ständig auf dem Acker. Wahrscheinlich wäre es für die Svenssons besser gewesen, wenn sie sich zwei Neffen ins Haus geholt hätten. Aber zwei Neffen hätten auch mehr gegessen. Und Keith war das einzige Kind seiner frühst verstorbenen Eltern gewesen.
Wann immer Keith Fragen nach seinem Vater stellte, bekam er die gleiche Antwort: Er war bei einem Unfall auf dem Hof in die Jauchegrube gefallen, und das war das Letzte, was man von ihm sah. Die Jauche des Planeten Apura hatte den Ruf, eine der stärksten des ganzen Universums zu sein.
Aber immerhin hatten sie im nächsten Jahr eine überwältigende Ernte gehabt.
»Tante Em? Was ist los?« Keith stürmte in die Küche, sein blondes Haar war vom Laufen zerzaust, und seine Hose gab interessante Aufschlüsse über die Zusammensetzung des apurischen Bodens. Aber alle Eile war nicht nötig gewesen. Da war keine Tante Em in der Küche.
»Mir scheint, Master Keith, als wäre Ihre Tante nicht da. Aber so sehr ich auch das Geschehene überdenke, bleibt doch der Eindruck haften, daß sie in Eile war und größten Wert darauf legte, Sie zu sehen.«
»Was hat sie denn genau gesagt?« fragte Keith ungeduldig.
H2SO4 hätte die Stirn gerunzelt, hätte sie nicht aus hartem, goldenglänzenden Metall bestanden. »Wenn ich mich recht entsinne, war es ‘Hilfe! Hilfe! H2NO3, lauf und hole Keith!’ Sie hatte immer schon Probleme mit unseren Namen.«
»Sie hat um Hilfe gerufen? Was war denn los?«
»Oh, habe ich vergessen, das zu erwähnen? Sie verteidigte sich gerade gegen die uniformierten Gestalten, die plötzlich in die Küche eingedrungen waren.«


»Bevölkerung des Planeten Apura, erlaubt mir, mich vorzustellen. Ich bin der neue Herrscher über diesen Planeten.«
Eliot stand auf dem Balkon des Schlosses und sprach zu der unten versammelten Menschenmenge. Es waren zwar nur einige Dutzend Leute, eben die Wachen und üblichen Bediensteten, die sie auf die Schnelle hatten zusammentrommeln können, aber immerhin - niemand hatte Widerstand geleistet.
Wer Schloß Apura sah, konnte leicht die Theorie entwickeln, daß der Tod von Ludwig II im Starnberger See nur eine Finte gewesen war. In Wirklichkeit hatten Außerirdische ihn entführt, damit er Schlösser für sie entwarf.
Die Menge jubelte. Das erstaunte Eliot. Normalerweise jubelten die Menschen erst dann, wenn er und Ignatz eine Armee hinter ihnen aufgestellt hatten. Aber es sollte ihm Recht sein. Um so einfacher hatten sie es.
»Ich bin Lord Eliot Lode, aber man nennt mich auch den Finsteren Eliot Lode.« Wieder jubelte das Volk. Zeit, ihrem Enthusiasmus einen Dämpfer aufzusetzen. »Dies ist mein Stellvertreter und meine Rechte Hand, Commander Perkins. Er wird die Streitkräfte kommandieren, während ich herrsche.«
Das wirkte. Als Commander Perkins ans Geländer trat, verstummte das Lachen schlagartig, und es wurde so leise, daß man sogar das minimale Kichern des Commanders über weite Strecken hörten. Mein konnte es (wenn überhaupt) mit einer Kreuzung zwischen dem Janken eines Straßenmeschackas (falls diese Art auf dem Planeten Apura zufällig heimisch war) und dem Geräusch eines Scheibenwischers vergleichen. Es war so leise, daß man es eigentlich gar nicht hätte wahrnehmen dürfen, und doch übertönte es alles.
»Ich bin hocherfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen«, sagte Perkins mit unangenehmer Stimme, während er die Laserkanone weiterhin im Anschlag hielt. Das war natürlich nur eine reine Sicherheitsmaßnahme - als Rechte Hand war Commander Perkins auch der Leibwächter des Finsteren Eliot Lode. Aber das Volk schien nicht sonderlich begeistert von ihm zu sein.
Das war Absicht.
»Es läuft noch besser als sonst«, flüsterte Ignatz Eliot zu. »Man könnte fast meinen, sie hätten auf uns gewartet. Richtig begeistert sind sie.«
Eliot pflichtete ihm bei. So einfach hatten sie bis jetzt eigentlich noch keinen Planeten entern können. Alles war gelaufen wie am Schnürchen - die Übernahme des Palastes, das Verschleppen von einigen Bauern (essentiell, wenn man einen Planeten überfällt) (die Alternative wäre, einige Höfe niederzubrennen und ihre Bewohner [bis auf einen oder zwei] zu metzeln, aber wenn es möglich war, verzichteten sie aufs Blutvergießen. Für gewöhnlich reichte der Anblick ihren Hi-tec-waffen. Eigentlich hätten sie bei den Spielzeugpistolen bleiben können), die kunstvoll arrangierte Flucht der Prinzessin und das Zusammentrommeln der Bevölkerung. Die Palastwachen würden sicher bereit sein, zur Sternenflotte aufzusteigen. Damit wäre die Feindselige Macht dann komplett.
Trotzdem war diese Begeisterung irgendwie zuviel. Langsam keimte ein Verdacht in Eliot auf: Was war, wenn niemand begriff, daß er diesen Planeten erobert hatte? Was war, wenn sie ihn alle für den neuen Prinzgemahl hielten? Dem mußte er nachgehen.
»Nachdem Prinzessin Hanuta sich nicht bereiterklärt hat, meine Frau zu werden, sah ich mich leider gezwungen, sie zu liquidieren. Natürlich habe ich ihr kein Haar gekrümmt - momentan sitzt sie im Kerker des Schlosses und hat ausreichend Zeit, ihre Wahl noch einmal zu treffen.«
Stürmischer Beifall.

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