Kein Alarm im Weltall

SF-Parodie
von Maja Ilisch

Episode III

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Acht


»Master Keith, was gedenken Sie nun zu tun?«  
Keith wäre sicher schneller zu einer Lösung gelangt, wenn der Androide ihn nicht ununterbrochen nach seinen Plänen gefragt hätte. Der Junge war ernsthaft besorgt. Tante Em war mit Sicherheit entführt worden, und auch von Onkel Henry war nichts zu sehen. Aber warum sollte jemand zwei unbescholtene Bauern entführen? Das ergab keinen Sinn. Sie hatten keine Feinde gehabt, und auch die Erntemaschinen und Androiden waren so gut wie abbezahlt. Es gab auch keine dunklen Punkte in ihrer Vergangenheit. Nein, diese Entführung machte wirklich keinen Sinn. Es sei denn … Nein, das konnte nicht sein. Beim Verschwinden seines Vaters war alles mit rechten Dingen zugegangen, und außerdem war das schon siebzehn Jahre her.  
»Ich möchte nur wissen, wo dieser Androide schon wieder steckt!« fuhr H2SO4 fort. »Immer, wenn man ihn braucht, ist er nicht aufzufinden.«  
Ob die Entführer auch NO3 mitgenommen hatten? Aber was sollten sie mit einem kleinen Arbeitsandroiden anfangen? Na ja, wenn Keith es genau überlegte, mußten sie für den Androiden eigentlich mehr Verwendung haben als Onkel Henry und Tante Em. Vielleicht waren Einbrecher gekommen, um den Androiden zu stehlen, und hatten Tante Em, die sie dabei überraschte, gleich mitgenommen? Und Onkel Henry, der Tante Em zur Hilfe kommen wollte? Das machte schon mehr Sinn …  
»Fiep, fiep-fiep«, sagte NO3, der gerade in die Küche gerollt kam. Damit war Keith’ Theorie im Eimer. Es fehlten also wirklich nur Onkel und Tante.  
»Da bist du ja endlich!« schimpfte H2SO4. »Wir haben schon überall nach dir gesucht! Kannst du dir nicht vorstellen, was für Sorgen wir uns deinetwegen gemacht haben? Mach das bloß nicht noch einmal! Gott sei Dank ist jetzt alles wieder in Ordnung!«  
Der kleine Androide fiepte schuldbewußt.  
»Moment mal!« rief Keith. »Gar nichts ist in Ordnung. Meine Tante und mein Onkel sind verschwunden! Sie sind entführt worden!«  
»Ach ja«, sagte H2SO4. »Daran hatte ich ja gar nicht mehr gedacht. Wie unachtsam von mir. Vielleicht sollten wir, jetzt, wo wir vollständig sind, diese deprimierenden Grundmauern hinter uns lassen und Hilfe holen.«
»Aber hier ist niemand, der uns helfen könnte! Dies ist das platte Land! Der nächste Hof ist meilenweit entfernt.«
»Wir könnten den Gleiter Ihres Onkels benutzen, Sir«, schlug H2SO4 vor.  
»Aber ich habe doch noch gar keinen Führerschein! Ich weiß überhaupt nicht, wie das Ding funktioniert. Und außerdem hat Onkel Henry den Schlüssel dazu. Der einzige Nachbar, den wir zu Fuß erreichen könnten, ist ein alter Mann, der sie nicht mehr alle hat.«  
»Fiep fiep Fiepfiepfiep!« meldete sich NO3 aufgeregt zu Wort.  
»Was soll das heißen: Du warst bei ihm zum Tee eingeladen?« fragte H2SO4 erstaunt. »Sprich doch bitte etwas deutlicher!«  
Der kleine Androide fiepte etwas deutlicher.  
»Er sagt, er war tatsächlich bei ihm zum Tee eingeladen«, übersetzte H2SO4. »Deswegen haben wir ihn auch nicht gefunden. Du unartiger, unartiger Androide!« Letzteres sagte er zu NO3. »Mir scheint, Master Keith, wir sollten uns tatsächlich auf den Weg zu diesem alten Mann machen. Er scheint uns freundlich gesonnen zu sein. Und eine bessere Lösung kann uns hinterher immer noch einfallen.«  


»Und du bist sicher, daß man uns hier findet?« fragte Lucy. Ihre Stimme klang dumpf durch das haarige Kostüm, und sie mußte aufpassen, daß sie niemand außer Hans hören konnte. »Diese Kneipe sieht nicht gerade vertrauenerweckend aus.«  
»Das sagst du jedesmal«, sagte Hans. »Und bis jetzt sind sie jedesmal gekommen. Wir müssen hier nur rumhängen und abwarten.«  
»Und schwitzen«, sagte Lucy. »Und zusehen, wie du dir den Magen vollschlägst, während ich nichts essen kann, ohne den Kopf abzunehmen. Und Probleme zu bekommen, wenn ich mal muß, weil ich ja schlecht auf das Damenklo gehen kann in der Aufmachung.«  
»Ach, komm. Du hast es bist jetzt immer mit Bravour durchgestanden. Wenn du Hunger bekommst, geh einfach zur ‘Freezer’, wo dich niemand beobachten kann. Das ist nun mal der Preis des Ruhmes. Und jetzt denk daran, daß du mit mir nur grunzend kommunizieren darfst, wenn wir in der Öffentlichkeit sind.«  
Er schob seinen Cowboyhut in den Nacken, machte es sich bequem und wartete darauf, daß sein Bier endlich kam.  
»Grunz«, sagte Tabaccso der Flokati.  


Sie hatte es geschafft! Sie war entkommen! Aber Prinzessin Hanuta war noch weit davon entfernt, erleichtert aufzuatmen. Ihr Kleid hatte Flecken bekommen. Ihr Haar war zerzaust. Ihr Make-up war verschmiert. Und ihr Volk stellte sich gegen sie.  
Aus dem Kerker zu entkommen, war einfacher, als sie erwartet hatte. Aber trotzdem! Diese Demütigung! Ihre eigenen Palastwachen hatten versucht, sie einzusperren! Das mußte man sich nur einmal vorstellen. Sie war nicht länger die Herrscherin von Apura. Das war jetzt dieser falsche Prinz, Eliot Lode, das Schlangengesicht (obwohl er wirklich verdammt gut ausgesehen hatte!). Sie war erledigt. Abgeschrieben. Weg vom Fenster.  
Aber das würde sie sich nicht gefallen lassen. Sie war Prinzessin Hanuta von Apura. Und sie würde für die Freiheit ihres Volkes kämpfen, notfalls allein, wenn es sein mußte. Das würde ausgesprochen schwierig werden.  
Es war definitiv ein Fehler gewesen, das Angebot des Finsteren Eliots auszuschlagen! Als verheiratete Frau wäre sie endlich Königin geworden. Und vielleicht wäre er gar nicht mal so ein schlechter Gatte gewesen. Aber dazu war es jetzt zu spät. Ihre Entscheidung war getroffen. Jetzt hieß es »Hanuta gegen den Rest der Welt«.  


»Ich finde, sie könnten ruhig mal kommen«, sagte Hans leise. »Die Hamburger hier sind mit Abstand die miesesten, die ich jemals gegessen habe.«  
»Grunz«, sagte Tabaccso der Flokati.  


Sie hatten Glück: Der alte Mann war Zuhause. Zumindest war in seiner Hütte das Licht an. Die Hütte selbst war in einem desolaten Zustand, aber dadurch paßte sie nur um so besser zu ihrem Bewohner. Keith mußte einige Zeit lang gegen die Tür hämmern, bis sich endlich im Inneren etwas rührte. Der alte Mann öffnete die Tür.  
»Ah, mein junger Freund«, sagte er warm und schüttelte Keith die Hand. Keith warf einen verblüfften Blick auf den Bademantel, sagte aber nichts. Der alte Mann hatte die Kapuze über den Kopf gezogen, so daß nur sein zotteliger Bart herausragte. Mit etwas Phantasie konnte man im Inneren der Kapuze zwei muntere blaue Augen erkennen.  
»Na so etwas, ich kann mich gar nicht erinnern, einen Staubsauger bestellt zu haben«, murmelte der Alte. »Und eine Stehlampe! Aber kommt nur herein! Kommt nur herein!«  
»Entschuldigen Sie, daß wir hier so reinplatzen«, sagte Keith und bemühte sich, das Chaos zu ignorieren, das im Inneren der Hütte herrschte. »Ich komme von der Farm da hinten. Keith Svensson ist mein Name.«  
»Svensson … Svensson … Den Namen habe ich schon einmal gehört. Svensson, oh ja. Svensson. Sehr gut.«  
»Ich will Sie wirklich nicht stören, aber aus unerfindlichen Gründen sind meine Tante und mein Onkel entführt worden, und ich weiß wirklich nicht, was ich jetzt tun soll.«  
»Setzen sollst du dich!« sagte der alten Mann. »Tee trinken. Beim Tee trinken sieht man alle Dinge gleich ganz anders. Nimm dir Tee, junger Svensson! Entführt, sagst du? Von wem, von wem?«  
»Das weiß ich nicht. sie sind einfach verschwunden.«  
»Nun gut. Dies ist ein ernster Fall. Wir werden sie schon noch retten. Jetzt nimm noch Tee. Und den Staubsauger kannst du wieder mitnehmen. Ich danke für das Angebot, aber ich habe schon einen - glaube ich zumindest.«  
Keith fragte lieber nicht, wieso der alte Mann jetzt plötzlich gerade über Staubsauger sprach. Er hatte schon einiges über seine Wunderlichkeit gehört.  
»Entschuldigen Sie bitte vielmals«, sagte nun H2SO4, »aber, Sir, was ist Ihr Name? Wir sind uns noch nicht vorgestellt worden, wenn ich mich nicht irre.«  
»Eine sprechende Stehlampe! Großartig, was die Technik heute fertig bringt. Nennt mich Iwan. So nennt man mich. Den Alten Iwan.«  
»Ich bin ein Verwaltungsandroide und keine Stehlampe, Mister Iwan, Sir!« Wie üblich war H2SO4 sehr genau, was seine Bezeichnung anging. Keith hatte also schon mit einer derartigen Bemerkung gerechnet. Nicht gerechnet hatte er dagegen mit der Lebhaftigkeit, die plötzlich in den Alten kam. Er streifte die Kapuze seines Bademantels ab und richtete sich voll auf. Nun war er sogar größer als Keith (der, zugegeben, für sein Alter kein Riese war).  
»Sir Iwain … Diesen Namen habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr benutzt. Erstaunlich, daß ihr ihn kennt. Aber ihr wolltet meine Hilfe. Helfen kann ich euch. Lang, lang ist’s her, aber helfen kann ich noch immer … Svensson ist dein Name, sagtest du? So ist’s gut, junger Luchs. Helfen werde ich euch, aber nicht allein. Ein Raumschiff brauchen wir. Ein Raumschiff.«  
»Ähe - ja«, sagte Keith.

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