Kein
Alarm im Weltall
SF-Parodie
von Maja Ilisch
Episode V
Sechs
Eliot war gerade erst
aufgestanden (das Bett der Prinzessin war aber auch wirklich bequem), als
Ignatz ins Zimmer trat. Er warf panische Blicke um sich und zog schnell die Tür
wieder hinter sich zu.
»Eliot, ich glaube, wir sitzen da ganz schön tief in der Tinte.«
»Wieso?« fragte er. »Es läuft doch alles bestens.« Dann sah er seinen
Freund erstaunt genauer an. Ignatz hatte dunkle Ringe unter den Augen, so als
habe er in der Nacht nicht geschlafen, und seine ganze Körperhaltung wirkte
nervös und verkrampft. Eliot erschrak leicht über diesen Anblick, aber er
behielt seinen munteren Tonfall bei. »He, mit wem spreche ich eigentlich
gerade? Bist du jetzt Ignatz oder Commander Perkins?«
»Ich bin Ignatz, und ich bin immer Ignatz gewesen. Die Frage ist nur - wer
bist du? Seit du gemerkt hast, wie sehr das Volk Eliot Lode liebt, bist du
voll in deiner Rolle aufgegangen. Merkst du denn gar nicht, in welcher Gefahr
wir sind?«
»Mir scheint, du hast den Verfolgungswahn des Commanders übernommen. Wir
sind nicht in Gefahr. Niemand läßt unsere Verkleidung auffliegen. Wie du
schon sagtest - das Volk liebt mich - ich meine den Finsteren Eliot Lode.«
»Das ist es, was ich meine. Dieses Volk hat nur auf dich gewartet. Sie werden
dich nicht mehr gehen lassen wollen. Es haben sich nicht einmal die üblichen
Widerstandsvereine gebildet. Mich hassen sie natürlich, wie es sich gehört.
Eliot, das Ganze gerät außer Kontrolle! Laß uns abhauen, solange wir noch können!«
Eliot lachte
nur. »Da machst du dir zu große Sorgen. Du nimmst immer alles so ernst.
Schau, es soll uns doch Spaß machen! Es ist ein Spiel. Wir werden verlieren,
und dann fangen wir wieder von vorne an.«
»Du verstehst
es wirklich nicht«, sagte Ignatz resigniert und ging. Vor der Tür drehte er
sich noch einmal um. »Wann wirst du endlich aufwachen, Eliot? Wir sind
nicht mehr auf Kansas.«
»Ist Ihnen
klar, Miss, was für einen Aufwand sie da von mir erwarten? Meine Zeit wächst
nicht auf Bäumen, und über die Spritkosten muß ich wohl auch kein Wort
verlieren, oder?«
Der Kerl schien nicht daran interessiert zu sein, dem armen Mädchen
zu helfen. Gut, daß auch noch Keith da war! Jetzt, wo er direkt in ihren Nähe
stand, fühlte er sich erst recht zu der blonden Schönheit hingezogen. Er
hatte das Gefühl, als kenne er sie schon ein ganzes Leben lang, und ein
magisches Band hielte ihre Seelen zusammen.
»Nun hören Sie
mir mal gut zu!« fauchte die Schöne den Kerl
an. »Ich befehle Ihnen, diesen Planeten zu retten, und Sie können sich
mir nicht widersetzen, denn ich bin Prinzessin Hanuta, die rechtmäßige
Herrscherin über diesen Planeten.«
Der Rest ging
unter in dem langen lauten Schrei, der nun aus Keith’ Lippen drang. »Nnnnnnneeeeeiiiiiinnnnn!«
Das durfte doch
nicht wahr sein! Doch - es mußte wahr sein. Niemand anderes als eine
Prinzessin wäre zu derartiger Schönheit fähig gewesen. Den Kerl
schien diese Mitteilung allerdings kalt zu lassen.
»Hochwohlgeborene
Hochwohlgeborenheit, Sie können Prinzessin von so vielen Planeten sein, wie
sie wollen - ich gehöre zu keinem davon. Mein Name ist Hans Olo, und ich bin
hier nur auf der Durchreise. Ich habe noch wichtige Geschäfte zu erledigen.«
»Was für Geschäfte
können das schon sein, für die man eine derartige Rostlaube fliegen muß?
Wenn Sie mich fragen, sind Sie nichts weiter als ein gewöhnlicher Schmuggler.
Aber eins sage ich Ihnen, Olo - wenn wir diesem Planeten nicht so schnell
retten, wie es nur irgend möglich ist, dann kann hier bald niemand mehr Geschäfte
machen! Dann werden Sie selbst unter Ihrer heutigen Feigheit zu leiden haben.
Retten Sie diesen Planeten - um Ihrer selbst willen!«
»Das war eine
sehr interessante Rede«, flüsterte Lucy unter ihrer Maske Hans zu. »Ob sie
wohl Verwandte auf dem Planeten Lingor hat?« Für alle Uneingeweihten klang
es nur wie ein dumpfes Grunzen.
»OK«, sagte
Hans. »Ich bin kein Unmensch, sofern ich gut bezahlt werde. Gehen wir nach
draußen und besprechen wir die Sache. Hier drinnen gibt es mir zu viele
Ohren.«
Womit er
zweifelsohne Recht hatte, denn zu den Besuchern der Star Bar zählte auch eine
Reisegruppe von Staïsianern, deren Anatomie noch heute viele Fragen aufwirft.
»Mein
Raumschiff ist die Steaming Freezer«,
fuhr er fort. »Dies ist mein Kopilot, Tabaccso. Er kann zwar unsere Sprache
nicht sprechen, aber er versteht jedes Wort, das im Umkreis von vierhundert
Metern gesprochen wird. Ich warne euch also davor, jedwede Äußerungen über
ihn abzugeben. Flokatis sind sehr leicht reizbar. Kommen Sie,
Durchlauchtigste.
Das gleiche gilt für dich, Milchbart. Du darfst sogar von mir aus deine
Freunde mitbringen.«
Keith folgte ihm
nicht sofort, sondern fing erst den Alten Iwan ab, um mit ihm die Lage zu
besprechen. »War halten Sie von ihm, Sir?«
»Er hat eine Söldnerseele,
aber eine Seele hat er, junger Luchs«, murmelte der Alte. »Du tust gut
daran, ihm zu trauen, gut tust du daran, tust du. Er wird dich hinführen zu
deinem großen Kampf.«
Keith hörte
jetzt genau auf das, was der alte Mann sagte. Er gewann langsam den Eindruck,
daß er weitaus mehr wußte, als er vorgab. Warum nur nannte er ihn immer
‘Junger Luchs’? Und was wußte er über das Verschwinden von Keith’
Vater? Und nun die Andeutungen über einen großen Kampf … Der Alte Iwan war
nicht, was er vorgab. Für die übrige Welt mochte er zwar wirken wie ein
seniler Greis, aber Keith war fest entschlossen, das Geheimnis zu lüften -
und damit auch etwas über sich selbst zu erfahren.
Mit einiger
Anstrengung gelang es Lucy, aus dem entgeisterten Aufschrei ein
entgeistertes Aufgrunzen zu machen. Hans sagte nichts, sondern versuchte nur,
seine davondriftende Kinnlade wieder in den Griff zu bekommen. Schließlich
brachte er ein »Wiettibib?«* hervor.
»Gemeinsam
werden wir diesem machthungrigen Spacelord das Handwerk legen!« wiederholte
der pickelige Junge mit pathetischer Stimme und einem irgendwie fanatischen
Funkeln in den Augen. Dieses hatte er, nachdem zum ersten Mal der Name
‘Eliot Lode’ gefallen war. Der Greis nickte zustimmend.
»Das geht nicht«,
ächzte Hans, der sich endlich wieder genug gefangen hatte, um zumindest die
korrekte Reihenfolge der Buchstaben einzuhalten. »Wir können euch nicht in
Gefahr bringen. Mein Partner und ich erledigen das schon.«
»Oh nein!«
rief nun Hanuta. »Als Prinzessin von Apura ist es meine Pflicht, daß ich
mein Volk selbst befreie. Und wer sagt mir nicht, daß Sie nicht den Vorschuß
einstreichen und sich damit aus dem Staub machen?«
Von allen
Prinzessinnen, die Lucy jemals begegnet waren, war dies die mit Abstand
unsympathischste. Und diese Blicke, mit denen sie Hans taxierte, waren
wirklich das Hinterletzte! Nicht, daß Lucy eifersüchtig, gewesen wäre, ganz
bestimmt nicht. Dieses kuhäugige Wesen hatte keinen Neid verdient. Aber wenn
sie weiterhin mit dieser affektierten hohen Stimme sprach, würde Lucy ihr früher
oder später den Hals umdrehen. Flokatis waren nun einmal leicht zu reizen.
Schade, daß nicht jeder so leicht ruhigzustellen war wie dieser kleine
Androide! Als er in einen aus stakkatoartigen Pieptönen bestehenden Monolog
ausgebrochen war, hatte Lucy … äh, Tabaccso ihm einen gezielten Schlag
auf den Deckel gegeben, auf genau jene Stelle, die seine Schaltkreise für
einige Minuten lahmlegte. Mit diesem Modell kannte sich Lucy ziemlich genau
aus, seit sie einmal einen besessen hatte. Artur war ein nettes Kerlchen
gewesen, nur leider extrem halsstarrig. Leichte Schläge auf den Hinterkopf
halfen immer.
Der Greis
murmelte einige Worte, von denen eigentlich nur »Plattmachen« einwandfrei zu
identifizieren war. Offensichtlich litt er an der Alsmannschen Krankheit und wäre
in einer Anstalt am besten untergebracht gewesen. Vielleicht konnten sie sich
darum kümmern, bevor sie Eliot absetzten. »Ein Team sind wir«, fügte er
verständlicher hinzu, »und als Team werden wir kämpfen.«
»Ihr stellt
euch das ja sehr einfach vor«, bemerkte Hans, der endlich zu seiner alten
Form zurückgefunden hatte. »Was glaubt ihr, was wir tun sollen? In den
Palast eindringen, und was dann? Pfft! - Commander Perkins, Pfft! Eliot
Lode?« Er schlug dramatisch mit weitausholenden Bewegungen nach beiden
Seiten. »So leicht geht das nicht. Man braucht dafür spezielle Fähigkeiten,
die ihr nicht habt. Und ich kann nicht zulassen, daß Sie sich verletzten,
Oberhochwohldurchlauchtigste.«
»Grunz«, sagte
Tabaccso der Flokati. Es wurde langsam Zeit, daß sie wieder einmal einen
Kommentar abgab. Irgendwie mußte sie sich schließlich bemerkbar machen.
»Sir, was die Fähigkeiten
angeht, so glaube ich nicht, daß irgend jemand von Ihnen es mit einem
vollprogrammierten Verwaltungsandroiden aufnehmen kann, wenn mir diese
Bemerkung gestattet ist.« Sie würde irgend etwas gegen den anderen Androiden
unternehmen müssen. Er versprach noch sehr viel lästiger zu werden als der
andere. Zum Glück kannte sie sich auch mit diesem Typen gut aus. Er war das
gleiche Modell wie der, aus dem sie seinerzeit R3 für Ignatz gebaut hatte.
Vor allem würde
sie schnell etwas unternehmen müssen! Denn mit dem, was er jetzt tat,
konnte er ihr ernsthaft gefährlich werden: Das goldige Kerlchen drehte sich
zu ihr um und sagte wohlartikuliert: »Hrnk-urgkg agrkuk grkgrk?« Zumindest
klang es so. Was immer er damit sagen wollte - er schien davon auszugehen, daß
er die Sprache der Flokatis beherrschte. Lucy wäre niemals auf die Idee
gekommen, daß es tatsächlich ein Volk dieses Namens geben könnte. Diese SO4-Einheit
konnte sie alle auffliegen lassen, wenn sich herausstellte, daß er angebliche
Yeti-Ritter gar nicht echt war. Da half nur eins: Die Flucht nach vorne und
die Hoffnung, daß Hans sie da rausholen würde.
»GRUNZ!« sagte
Tabaccso der Flokati und ließ seine haarige Faust auf den Kopf des Androiden
niedersausen. Das beschädigte ihn zwar nicht in dem Maße wie seinen kleinen
Freund (SO4-Eineiten waren sehr widerstandsfähig), aber es war
doch eine deutliche Antwort. SO4 drehte sich mit verwirrte Miene
(soweit ein Androide über Mienenspiel verfügte) zu Hans um.
»Habe ich etwas
Falsches gesagt?«
Hans rettete die
Situation. Der Weitgehend Einsame Streiter grinste von einem Ohr zum anderen.
»So, wie du es ausgesprochen hast, war es eine Aufforderung zum Paarungsakt.
Vielleicht solltest du noch ein wenig an deinem Akzent feilen?«
SO4
korrodierte verlegen und machte beschwichtigende Gesten in Tabaccsos Richtung.
So schnell würde er nicht noch einmal versuchen, Flokati-Dialekt zu
sprechen.
Ignatz machte
sich Sorgen über so ziemlich alles. Der einzige, um den sich Eliot im Moment
wirklich Sorgen machte, war Ignatz. Und er hatte auch allen Grund dazu.
Nachdem er mit R3 einen kleinen Kampf ausgefochten hatte, um überhaupt in
das Zimmer des Commanders gelassen zu werden, kam er gerade noch
rechtzeitig, um zu sehen, wie dieser einen Infuser an seinen Hals ansetze. Mit
einem Satz quer durch den Raum, den er ohne seine trainierten Stunt-Fähigkeiten
sicher nicht fertiggebracht hätte, war Eliot bei ihm, und es gelang ihm im
letzten Moment, Ignatz das Gerät abzunehmen.
»Sag mal, hast
du den Verstand verloren?« schrie er, ganz gleich, ob ihn irgend jemand im
Schloß hören konnte. Wer seinen besten Freund mit obskuren Giftspritzen
findet, dem ist der Rest egal.
»Gibst du mir
das bitte wieder?« fragte Ignatz ruhig - zu ruhig, fand Eliot. Vielleicht war
er doch nicht mehr rechtzeitig gekommen.
»Es ist wohl
das Beste, wenn du Apura so schnell wie möglich verläßt und zusiehst, daß
du Hans und Lucy erreichst. Die Sache hier ist dir über den Kopf gewachsen«,
sagte Eliot so verständnisvoll wie möglich. Ihn jetzt anzuschreien, war
sicher das Falsche. Gerne hätte er noch hinzugefügt: ‘Und sieh zu, daß du
dich in ärztliche Behandlung begibst’, aber das ließ er dann doch
lieber. Niemand durfte derartige Sachen zu Commander Perkins sagen, und Eliot
hatte das ungute Gefühl, aß Ignatz endgültig mit dieser Rolle verschmolzen
war. Allerdings hatte auch der Commander niemals Drogen genommen. Eliot faßte
Ignatz bei der Schulter und schüttelte ihn freundschaftlich. »Sag mal, was
ist bloß los mit dir?«
»Ach, hast du
auch schon gemerkt, daß etwas nicht stimmt?« fragte Ignatz beißend. »Lach
bitte nicht, aber diverse Leute planen meinen Tod - diesmal wirklich. Wenn du
Namen willst: So ziemlich jedes Mitglied deiner Prätorianergarde ist daran
beteiligt. Kann ich jetzt bitte meinen Infuser wiederhaben?«
»Was ist da
drin?« fragte Eliot argwöhnisch. Vielleicht hätte er das sofort tun sollen,
bevor er einen Streit vom Zaun brach. Ärger mit dem Commander konnte sehr ärgerlich
werden. Vor allem, da jetzt auch noch R3 mit im Zimmer war. Hoffentlich hatte
er die Bemerkung mit Hans und Lucy nicht gehört oder zumindest nicht
verstanden!
»Neutralizer.
Ich hätte nie gedacht, daß ich ihn tatsächlich einmal nehmen müßte. Eine
intelligente Chemikalie, die erkennt, welche Substanzen nicht in den
menschlichen Körper gehören. Oder in den lingorianischen«, fügte er
schnell hinzu, bevor er sich verraten hätte. »R3, hatte ich dir nicht
aufgetragen, Dench zu beschatten? Wenn er mir zu nahe kommt, werde ich dir die
Schuld dafür geben.«
Der Androide
zuckte zusammen und gab dabei einige äußerst ungesunden Kratzlaute von
sich. Ignatz und Hans atmeten unisono auf, als er aus dem Zimmer gerollt war.
»So, jetzt können
wir reden. Dieser Stoff identifiziert alles, was mir gefährlich werden könnte,
macht es unschädlich und sorgt dafür, daß der Körper es ausscheidet. Da
sie vermutlich vorhaben, mich zu vergiften, sollte ich besser gerüstet
sein, bevor sie damit anfangen.« Er tastete nach seiner Arterie, setzte den
Infuser wieder an und drückte den kleinen blauen Knopf. Einem Moment lang
verzog er das Gesicht.
»Und dieses Wundermittel hat keinerlei
Nebenwirkungen?« fragte Eliot, immer noch besorgt. »Was ist, wenn es süchtig
macht?«
Ignatz lachte,
obwohl seine Stimmung eigentlich in die entgegengesetzte Richtung ging. »Das
ist das eigentlich Geniale daran. Darum hat der Entwickler**
auch den Hensson-Preis bekommen. Sobald der Neutralizer gefährlich würde,
identifiziert er sich selbst als Schadstoff und sorgt dafür, daß er
ausgeschieden wird. Ansonsten reagiert er nicht mit dem Körper. Eine Dosis
reicht ungefähr einen Tag lang. Es gibt ihn auch in Kapseln zum Schlucken,
aber dann ist er weniger effektiv.«
»Und meine
Wachen wollen dich tatsächlich umbringen?« Ignatz nickte. »Dann bestehe ich
darauf, daß du Apura sofort verläßt. Ich lasse nicht zu, daß du dich in
Gefahr bringst.«
»Würdest du
mitkommen?« fragte Ignatz.
»Natürlich
nicht!« Eliot konnte nicht umhin, zu lachen. »Mich
will doch schließlich niemand ermorden. Außerdem kann es nicht mehr lange
dauern bis zum Showdown. Ich habe eine Nachricht von Lucy bekommen. So lange
halte ich das noch aus. Aber du solltest dich in Sicherheit bringen.«
Wenn Ignatz
Recht hatte mit seinem Verfolgungswahn, dann mußte er so schnell wie möglich
verschwinden. Und wenn er sich doch nur alles jetzt wirklich einbildete (und
nicht mehr nur so tat, als ob), dann brauchte er sowieso Luftveränderung.
»Dann bleibe
ich«, entgegnete Ignatz ruhig und packte den Infuser wieder ein. »Darauf
kannst du Gift nehmen - ich lasse dich nicht auf Apura alleine. Wenn ich nicht
mehr da bin - wer sollte dich vor deinen Wachen beschützen? Du wirst es mir
nicht glauben, aber du bist im Moment derjenige von uns, der den anderen nötig
hat.«
»Wie meinst du
das?«
»Ich halte dich
auf dem Boden der Tatsachen. Ohne mich hättest du schon längst Gefallen an
der Idee gefunden, das Weltall zu erobern. Du nimmst viel zu wenig wirklich
ernst. Und plötzlich wärst du Herrscher über das Universum und würdest
erkennen, daß es kein Zurück gibt. Ich werde niemals so wie Commander
Perkins, weil ich weiß, daß er eine miese kleine Ratte bist. Aber du genießt
jeden einzelnen Zug von Eliot Lode.«
Die Worte »Miese
kleine Ratte!« lagen schon auf Eliots Lippen. Aber er sprach sie nicht aus.
Er wollte keinen Streit mit Ignatz, der verständlicherweise angespannt
und nervös war und vermutlich deswegen so beleidigend wurde. So klopfte er
ihm nur noch einmal auf die Schulter und ging.
Vor der Tür
stand R3.
Keith konnte
nicht direkt behaupten, daß er seine neue Uniform schön fand. Natürlich hätte
er es niemals ausgesprochen, aber sie sah aus, als ob Olo sie auf dem Wohltätigkeitsbasar
der Müllabfuhr erstanden hätte - niemand konnte diese grelle Orange als
kleidsam bezeichnen, und wenn er damit herumlief, kam Keith sich jedesmal vor
wie ein extrem farbenprächtiger Lockvogel, der die Aufmerksamkeit der
Feinde auf sich lenken sollte***. Trotzdem erfüllte es ihn
mit Stolz, die Uniform zu tragen. Wenn er eines Tages auf die Akademie ging
(so sie ihn aufnahmen), würde er etwas Ähnliches anhaben. Nur nicht
unbedingt in Orange. Es gab so ein Gefühl des Dazugehörens, der Einheit.
Hanuta trug den gleichen Overall wie er, auch wenn sie darin sehr viel
vorteilhafter
aussah. Ein so schönes Mädchen wie sie würde sogar noch vorteilhaft
aussehen, wenn sie nackt wäre. Aber allein schon der Gedanke … ein
Bauernbursche und eine Prinzessin, innig und ewig vereint durch eine
gemeinsame Uniform … Was störte es da schon, daß sie ihn weitgehend
ignorierte?
Er würde ihr schon noch beweisen, was wirklich in ihm steckte. Allmählich
erkannte er, was seine Aufgabe war
und welchen Kampf er ausfechten mußte. Die Erkenntnis, die ihm langsam kam,
schmerzte. Aber er mußte der Wahrheit ins Auge sehen und sich ihr stellen.
Für alle Zeiten
in sein Gedächtnis eingebrannt hatte sich jener Moment, als der alte Iwan
seine Tasche öffnete, von der Keith bis dahin immer wegen ihrer langen,
schmalen Form angenommen hatte, sie enthielte Golfschläger (bei Iwan konnte
ihn da gar nichts mehr wundern) und etwas vollkommen anderes herausholte.
Keith erkannte sofort, was es war. Die Helden in den Science-Fiction-Serien im
Fernsehen kämpften immer mit so etwas. Im Geheimen hatte er sich immer gewünscht,
eines Tages eine derartige Waffe in der Hand zu halten. Und nun gehörte sie
ihm.
Sir Iwain (Keith
hatte jetzt endlich begriffen, warum sich sein Meister all die Jahre über
verstellt hatte und für alle Welt nur als schwachsinniger Greis erschienen
war) ging sehr behutsam vor, sowohl, was die Aufdeckung der Wahrheit betraf,
als auch in Hinblick auf Keith’ Ausbildung. Große Kräfte schlummerten
in dem Jungen, sagte er (in der Tat drückte er es aus wie »Kräfte
schlummern
in die, Junger Luchs, große Kräfte, große!«), und nun lernte er, wie er
damit umgehen konnte. Auch wenn Olo natürlich jeglicher Sinn dafür abging.
»Ein Gummiball an einer Schnur? Und du schlägst danach mit einer Leuchtstoffröhre?
Bist du in irgendeinem abartigen apurianischen Sportverein, oder was?« fragte
er.
Keith biß die Zähne
zusammen, ignorierte ihn und konzentrierte sich ganz auf seine Übung.
»Ein
Lichtschwert ist das, ein Lichtschwert!« erklärte Sir Iwain. Es war unter
seiner Würde gewesen, diese Uniform zu tragen, so daß er jetzt immer noch in
seinem alten Bademantel herumlief. Aus Gründen der Einheitlichkeit war er
jedoch bereit gewesen, ihn mit einem orangenen Gürtel zusammenzubinden.
Wenn er sich
besonders stark konzentrierte, konnte Keith den Ball mit seinem Lichtschwert
sogar dann treffen, wenn er die Augen schloß.
Es war
eigentlich nicht einmal schwer. In dem Ball war ein kleines Glöckchen, und
wenn er ein paarmal kräftig auf den Boden stampfte, konnte er es****
zum Klingeln bringen. Dann wußte er, wohin er schlagen mußte.
»Jetzt bist du
immerhin gewappnet für Gegner, die einen rund sind und Durchmesser von zehn
Zentimetern haben«, war alles, was Olo dazu sagte, von dem Alien mit einem
unverständlichen Grunzen kommentiert. NO3 fiepte verärgert - er
schien es nicht zu mögen, wenn jemand seinen Herrn verspottete. Und da der
Flokati (»Sag ihm bloß nicht, daß dein Bettvorleger genauso aussieht, wenn
du deine Ohren behalten willst!« - »Aber er sieht aus wie mein
Bettvorleger!«
- »Hast du dich noch nie gefragt, woraus
sie hergestellt werden?«) gerade dabei war, das Raumschiff zu navigieren,
konnte er ihn auch nicht wieder schlagen. Keith überlegte jedesmal, ob er
dazwischengehen sollte, denn damit konnte dieser grobe Klotz seine Androiden
wirklich kaputtmachen. Aber selbst wenn Keith jetzt wußte, warum man ihn
‘Junger Luchs’ nannte und er bereit war, gegen den Finsteren Eliot Lode
anzutreten, wollte er dieses bärenstarke, haarige Wesen um nichts in der
Welt zum Feind haben.
* intergalaktisch allgemeingültiges verwirrtes Anagramm von »Wie bitte?«
** ein gewisser Humphrey Dendecker
*** In der Tat hatte Lucy genau diesen Effekt in Hinterkopf gehabt, als sie drei Uniformen in passender Größe auf dem Wohltätigkeitsbasar der Müllabfuhr erstand.
**** und den Rest der Steaming Freezer