Kein
Alarm im Weltall
SF-Parodie
von Maja Ilisch
Episode VI
Fünf
Man konnte Eliot vielleicht einen gewissen Masochismus unterstellen, aber
irgendwie liebte er die Showdowns, auch wenn er schon im Vorhinein wußte, daß
er unterliegen würde - oder war es gerade deswegen? Auf dieses Showdown hatte
er sich besonders gefreut. Es bedeutete, daß sie endlich von diesem Planeten
herunterkommen würden. Es machte immer den größten Spaß, die Planeten zu
erobern, aber das Herrschen selbst nutzte sich mit der Zeit gewaltig ab. Und
gerade auf Apura hatte es sich in unerwünschte Richtungen entwickelt. Nun, es
war vorbei. In ein bis zwei Wochen konnten sie in eine andere Ecke der Galaxis
umziehen und sich einen schönen neuen Planeten aussuchen.
Nun ja, vielleicht doch nicht so schnell. Irgendwie hatte Eliot das Gefühl,
er könne einmal einen kleinen Urlaub vertragen, und Ignatz und die anderen
ganz sicher auch. Vor allem Ignatz hatte diesmal wirklich einen schweren Stand
gehabt. Aber das mußte er sich zu großen Teilen auch selbst vorwerfen.
Immerhin hatte er den Commander von sich aus als Widerling angelegt.
Die Betonung beim Wort ‘Showdown’ lag ganz eindeutig auf ‘Show’.
Bodennebel und dramatische Musik mußte sich das Publikum zwar selbst denken,
aber ansonsten war alles da. Hans und Eliot gestalteten ihren Kampf immer sehr
spannend. Es war lange Zeit lang nicht abzusehen, wer die Oberhand hatte, und
dann sah es so aus, als ob Eliot gewinnen würde. Er schlug Hans seine Waffe
aus der Hand und stimmte sein schurkisches Lachen an. Aber dann sprang der
vorgeblich bewußtlose Hans vom Boden auf, riß Eliots Waffe an sich und drückte
ab. Eine Explosion, gleißender Lichtblitz, viel Qualm, und wenn das Publikum
aufgehört hatte zu husten, stand nur noch Hans rußbefleckt neben einem Häufchen
Asche und Eliots Stiefeln. Es war ganz gut gewesen, den Houdini-Kurs an der
Schauspielschule zu belegen.
»Ich habe dich, du Schurke!« brüllte Hans, während er, sein Laserlasso
schwingend, in den Thronsaal gestürmt kam. Hinter ihm stand Tabaccso mit dem
Blaster, um ihm Rückendeckung zu geben. Aber was war das? Wer waren diese
anderen? Und wer hatte die Prinzessin in den Palast gelassen?
Ignatz verstand Eliots Wink sofort und griff Tabaccso an. Einige Zeit lang
rang er mit dem Alien und versuchte, ihm den Blaster zu entwenden, dann wurde
er quer durch den Saal geschleudert und schlich geknickt zu Eliot zurück.
»Es ist alles in Ordnung!« flüsterte. »Sie mußten die alle mitbringen.
Aber sie sind harmlos. Alles wie geplant.«
Hans und seine Mannschaft hatten inzwischen die Wachen überwältigt, und nun
kam das eigentliche Showdown. Hans griff Eliot an.
»Stell dich mir zum Kampf, Schurke! Du hast das Volk von Apura lange genug
unterdrückt! Ich bin Hans Olo, und im Namen von Prinzessin Hanuta und der
Gerechtigkeit werde ich dich bestrafen!«
Eliot sprang von seinem Thron auf und zog sein Lichtschwert. Die präparierte
Kanone hing an seinem Gürtel, wo Hans sie bequem erreichen konnte.
Alles klappte wie am Schnürchen. Eins, zwei - Schlag! Eins, zwei - Ducken!,
perfekt choreographiert. Hans verlor seine Waffe und lag am Boden. Noch zwei
Minuten, und die Sache war gelaufen. Schade, daß es in der Umgebung von Schloß
Apura keinen geeigneten Abgrund gab! Es machte sich immer besonders gut, wenn
der geschlagene Hans bedenklich nah auf einen Abgrund zurutschte und sich erst
im letzen Moment fing.
»Jetzt, junger Luchs! Nutze die Kraft!« schrie der alte Mann, der mit Hans
und Lucy hereingekommen war. Und in dem Moment endete der Plan.
Der Junge mit dem orangenen Müllmann-Anzug hielt plötzlich auch eine Waffe
in der Hand, und damit stürzte er auf Eliot zu.
»Bleib liegen!« rief er Hans zu, der sich gerade dramatisch vom Boden
aufrappeln wollte. »Ich werde diesen Kampf bestreiten!«
Prinzessin Hanuta, die besorgt zu Hans geeilt war, sorgte mit liebevollem
Nachdruck dafür, daß er auch wirklich liegenblieb.
»Laß mich!« schrie Hans. »Ich muß weiterkämpfen!«
»Nein!« rief der orangene Junge mit sich überschlagender Stimme. »Dies ist
mein Kampf, und niemand außer mir kann ihn kämpfen. Ich weiß jetzt, was man
mir all die Jahre zu verschweigen versucht hat, und ich kann nicht länger
tatenlos zusehen und schweigen. Mann Vater ist damals nicht umgekommen! Er
wurde als Hochverräter verbannt, und nun ist er zurückgekehrt. Ja! Der
finstere Eliot Lode ist Mein Vater, und niemand außer mir kann ihn
besiegen!«
Vater? Was redete dieser Junge da? Abgesehen davon, daß Eliot noch nie
zuvor auf Apura gewesen war, konnte dieser Bursche kaum mehr als zehn, zwölf
Jahre jünger sein als er selbst. Und er konnte sich eigentlich ziemlich gut
daran erinnern, mit elf keine derartigen Sachen gemacht zu haben.
»Hör mal, Junge, du mißverstehst da etwas! Ich bin nicht dein Vater!«
»Nein, du bist nicht mein Vater! Aber du warst es einmal, bevor das Böse
Besitz von dir ergriff! Jetzt muß ich dich töten!« In der Hand des Jungen
blitzte es auf.
Auf eine derartige Situation war Eliot nicht vorbereitet. Er wollte nicht
gegen den Jungen kämpfen, denn sonst wäre der Kampf für einen von ihnen möglicherweise
tödlich ausgegangen. Eliot war Schauspieler, kein Mörder! Die leuchtende
Klinge zuckte nur einen Fingerbreit von seiner Nase entfernt durch die Luft.
»Erkennst du mich jetzt wieder? Ich bin der, den man kennt als Keith Svensson,
aber in Wirklichkeit bin ich Luchs Eyewalker, Sohn des weitsichtigen Adler
Eyewalkers, der du einmal gewesen bist!«
Es gab nur eine Möglichkeit, dem Kampf zu entgehen.
»Nennt es von mir aus Sentimentalität, aber ich kämpfe nicht gegen meinen
eigenen Sohn«, sagte Eliot mit fester, väterlicher Stimme.
»Aber ich kämpfe gegen meinen eigenen Vater! Und wenn du nicht kämpfen
willst, mache ich dich um so schneller platt!«
Es gab kein Entkommen. Eliot mußte kämpfen, und mehr noch, er mußte diesen
Kampf gewinnen, es sei denn, sein Sohn käme auf die Idee, ihn mit seiner
eigenen Kanone anzugreifen.
Wieder zuckte die Klinge durch die Luft, und wieder gelang es Eliot, ihr knapp
auszuweichen. Der Junge hatte augenscheinlich lange für diesen Kampf
trainiert, denn er handhabte seine Waffe auffallend geschickt. Eliot sah
genauer hin. Er erkannte ein Lichtschwert, wenn er eines sah.
Aber er erkannte auch eine Leuchtstoffröhre.
Hanuta kam sich ein klein wenig herzlos vor. Da hockte Keith, völlig am Boden
zerstört, und schniefte nur noch »Kaputt! Er hat mein Lichtschwert
kaputtgemacht!«, während er die traurigen Überreste (eine Handvoll
Glassplitter, Drähte und den Stumpf aus Plastik) traurig in der Hand hielt.
Aber selbst bei diesem niederschmetternden Anblick und in Anbetracht der
Tatsache, daß sie den Kampf verloren hatten und nur mit Mühe vor den
Schergen Lodes hatten fliehen können (welch eine Schmach! Welch eine
Schande!) konnte Hanuta doch nichts anderes, als mit einem überirdisch-glücklichen
Lächeln durch die Welt zu gleiten. Die Erkenntnis hatte sie wie einen Schlag
getroffen, und eine schönere konnte es im ganzen Universum nicht geben: Sie
war verliebt.
Bis jetzt war sie immer davon ausgegangen, daß sie für diesen schurkischen,
unrasierten Rüpel Olo nichts als Verachtung empfinde. Er war ein Schmuggler,
ein Rauhbein, nur an schnellem Profit interessiert. Das einzige, wofür er
bereit war, sich zu engagieren, war ein Kartenspiel. Hatte sie gedacht. Aber
als er dann in dem Kampf zu Boden gegangen war, verwundet bei dem Versuch,
ihren Thron, ihre Ehre wiederherzustellen, da war ihr plötzlich aufgegangen,
daß sie ihn in Wirklichkeit von Anfang an geliebt hatte. Unter der harten
Schale steckte ein zarter, verletzlicher, liebevoller Mensch, dessen größte
Angst war, daß man genau das erfahren könne. Vor allem hatte er Angst, daß
sie das merken konnte. Nur dadurch ließ sich seine abschätzige Art ihr gegenüber
erklären. Denn auch er liebte sie. Wenn sie erst einmal Apura befreit und den
Thron zurückerobert hätten, würden sie heiraten und bis an ihr Lebensende
glücklich sein.
Ein jaulendes Geräusch riß sie aus ihren Tagträumen. Keith hatte angefangen
zu heulen.
»Jemand wird dafür büßen müssen«, zischte Commander Perkins. »Einer aus
Ihren Reihen ist ein Verräter. Er hat die Rebellen in den Palast gelassen, so
daß sie unserem geliebten Herrscher gefährlich nahe kommen konnten. Ich will
wissen, wer von Ihnen das war. Und wenn der Betreffende nicht freiwillig
gesteht, habe ich Mittel und Wege, es herauszufinden.«
Gut, die Wachen versuchten in geschlossener Front, ihn loszuwerden. Aber nun
hatte Ignatz eine Möglichkeit gefunden, wie er statt dessen die Wachen in
geschlossener Front loswerden konnte. Perkins Stimme schäumte nahezu vor nur
mühsam beherrschter Wut. Das war nicht gespielt. Was immer Hans und Lucy dazu
gebracht hatte, diese Stümper mitzubringen, es hatte dazu geführt, daß ihre
ganze Planung dahin war. Eliot hatte zwangsweise das Showdown gewinnen müssen..
Und jetzt saßen sie endgültig auf Apura fest. Er hatte gewußt, daß es ein
Fehler war, nicht schon längst abzuhauen. Aber Eliots Ohren waren ja wieder
einmal blockiert. Jemand würde dafür büßen müssen.
Dort standen die Wachen, elf große tumbe Männer unter der Leitung von
Lieutenant Dench, und keiner von ihnen rührte einen Muskel. Aber Ignatz wußte
genau, was in ihren Köpfen vorging. Wenn er jetzt einen einzigen Fehler
machte, eine Sekunde lang Schwäche zeigte, dann war es aus. Sie durften nicht
merken, daß nicht nur jeder einzelne von ihnen ein ganzes Stück größer war
als er, sondern daß sie zudem auch noch in der eindeutigen Mehrheit waren.
Ein falsches Wort, und sie würden meutern.
»Hat sich inzwischen jemand von Ihnen entschlossen, freiwillig zu gestehen
und so das Leben seiner Kameraden zu schonen?« fragte Perkins rhetorisch. »Nicht?
Um so besser.«
»Mitkommen!« brüllte Hans. »Die Rede war vom Mitkommen! Das bedeutet
Zusehen, nicht einmischen! Euretwegen haben wir diesen Kampf heute verloren,
und ich danke euch aus vollem Herzen dafür! Nur euretwegen bleibt Apura jetzt
noch länger in den Händen dieses Schurken! Großartige Arbeit!«
»Sir, ich würde sagen, Sie schätzen die Lage falsch ein«, meldete sich H2SO4
zu Wort. »Es ist ganz sicher nicht großartig, daß es Ihnen nicht gelungen
ist, das Joch der Fremdherrschaft von Apura abzuschütteln.«
»Tabaccso, würdest du der Blechdose bitte erklären, was Sarkasmus ist?«
fragte Hans. Der Androide konnte sich gerade noch vor der haarigen Hand in
Sicherheit bringen. »Danke.«
»Ich wundere mich, daß sie so denken«, bemerkte die Prinzessin spitz. »Schließlich
haben Sie oft genug, daß Ihnen eigentlich nichts an Apura liegt. Ihrer Söldnerseele
dürfte es doch nur recht sein, daß sie jetzt noch länger für mich arbeiten
und mehr Geld verdienen dürfen.«
Auch das noch - sie hatte sich in ihn verliebt! Hans erkannte die Zeichen
deutlich, und was noch schlimmer war - Lucy erkannte sie ebenfalls.
»Hoheit - Maul halten!« blaffte Hans sie kurz an. »Darum geht es jetzt überhaupt
nicht. In der Tat kann ich den Tag kaum abwarten, bis ich endlich meine Mäuse
sehe und Sie und den ganzen Haufen los bin. Das war das letzte Mal, daß ich
einen derartigen Auftrag angenommen habe, das können Sie mir glauben. Aber
was ich jetzt wissen will - was sollte der ganze Zirkus? Milchbart?«
»Schnief?« fragte Keith.
»Ich verlange eine Erklärung für die Show, die du da mit deiner
Leuchtstoffröhre abgezogen hast. Aus welchem Film hattest du die ‘Eliot
Lode ist mein Vater’-Nummer?«
»Schnief!« antwortete Keith trotzig. »Es war keine Nuhuhuhuhummer! Schnief.
Er ist wirklich mein Vahahahahater …«
Es mußte der alte Mann gewesen sein, der ihm diese Flausen in den Kopf
gesetzt hatte. Solange der Junge von Selbstmitleid geschüttelt wurde, konnte
Hans keine klare Auskunft von ihm erwarten.
»Mr. Iwan? Können sie mir etwas dazu sagen?«
»Die Wahrheit er spricht!« entgegnete Iwan so würdevoll, wie das mit seinem
Satzbau möglich war. »Verbannt wurde sein Vater vor achtzehn Jahren, Adler
Eyewalker nannte man ihn, den Weitsichtigen. Sein Sohn ist der junge Luchs.
Doch seine Tochter -«
»Seine Tochter bin ich!« rief Hanuta. »Keith ist mein lange verschollener
Zwillingsbruder!«
»Grunz!« rief Tabaccso der Flokati und machte dazu die
intergalaktisch verständliche Geste für ‘Auszeit’.
»Danke«, sagte Hans. Vorher war die Geschichte noch eine Satire gewesen.
Aber jetzt drohte sie in eine Farce umzukippen.