Kein
Alarm im Weltall
SF-Parodie
von Maja Ilisch
Episode VII
Vier
Irgendwie hatte Eliot das Gefühl, daß die Korridore des Palastes vorher
nicht so gehallt hatten. Dann merkte er, woran es lag: Sie waren völlig
menschenleer. All seine Wachen und Bediensteten, die sonst immer so emsig
umhergelaufen waren mit Waffen und Erfrischungen, waren plötzlich
verschwunden. Eliot mußte schmunzeln. Da hatte das Eindringen der
‘Rebellen’ soviel Wirbel verursacht, daß nun alle Schloßbewohner
sicherer Verstecke aufgesucht hatten, um vor dem nächsten Übergriff geschützt
zu sein. Soviel zum Thema ‘Von den Apurianern geht eine Gefahr aus’.
Aber es war so seltsam, so ruhig … Nun, so
ruhig war es nun auch wieder nicht. Hinter sich hörte Eliot ein leises
Schnarren. Er blieb stehen und sah sich um. R3 war gerade in den Gang
eingebogen, aber jetzt konnte Eliot gerade noch sehen, wie der Droide in einer
Nische verschwand. Das behagte ihm gar nicht. Er hatte immer darauf geachtet,
nie mit R3 allein zu sein - erstaunlich, wie Ignatz das aushielt. Aber jetzt
war niemand da, außer dem Androiden und ihm … Eliot ging einen Schritt
schneller.
Schnarr.
Eliot ging noch einen Schritt schneller. Er dachte an neulich, als R3 vor
Ignatz’ Tür gestanden hatte. Wenn der Androide sie belauscht hatte, dann
war genau das eingetreten, was sie die ganze Zeit hatten befürchten müssen:
Die kleinen verbogenen Rädchen im Metallkopf hatten angefangen, sich
ineinander zu verzahnen, und nach und nach entdeckte der schwarz eloxierte
Psychopath die Wahrheit.
Eliot begann zu rennen. Er mußte Ignatz finden.
R3 folgte ihm, so schnell es ging. Zum Glück ging es nicht schnell genug.
Eliot hatte es ja unbedingt so gewollt. Jetzt konnte Ignatz keine Rücksicht
mehr auf ihn nehmen. Die Wachen und große Teile der ‘zivilen’ Besatzung
des Palastes waren eingekerkert, aber die Frage war - für wie lange? Er hatte
die Schlösser dort unten selbst manipuliert, um seinerzeit der Prinzessin
eine leichte Flucht zu ermöglichen … Es schien so lange her zu sein. Jetzt
war er derjenige, der floh. Er hatte Eliot mehr als dreimal ernsthaft
aufgefordert, mitzukommen und war jedesmal nur ausgelacht worden. Freundschaft
hin oder her - es gab Momente, in denen Ignatz auch mal an sein eigenes Leben
denken mußte. Wenn die Wachen freikamen, war er tot. Der Neutralizer hatte
ihn nur vor subtilen, heimtückischen Giftanschlägen bewahrt (und die waren
in den letzten Tagen so zahlreich gewesen, daß Ignatz schon gar nicht mehr wußte,
wie echter, heißer Earl-Grey-Tee schmeckte) aber er half nicht gegen alle
Schadstoffe, die in den menschlichen Körper eindringen konnten - zum Beispiel
Dolche. Ignatz würde Eliot eine Nachricht hinterlassen. Das Shuttle stand
schon bereit. Und wenn er erst einmal Kontakt zu Hans und Lucy aufgenommen
hatte, würde es ein Leichtes sein, Eliot in Sicherheit u bringen. Immerhin würden
die apurianischen Schurken ihm nichts tun. Die Gefahr bestand höchstens
darin, daß sie Eliot jetzt tatsächlich dazu breitschlagen würden, mit ihnen
das All zu erobern. Er war immer schon schlecht darin gewesen, anderen einen
Wunsch abzuschlagen, sofern es ihm Spaß versprach.
Mit seiner Reisetasche in der Hand rannte Ignatz den leeren Gang hinunter. Es
gehörte einige Kunst dazu, sich hier nicht zu verlaufen, aber sie waren schon
so lange hier, daß er jede Bodenkachel beim Vornamen kannte.
Aus einem Seitengang hörte Eliot eilige Schritte. Er rannte in ihre Richtung.
Wer immer es sein mochte - es war nicht das Schnarren und Kratzen des kranken
Roboters, und das allein zählte.
Und es war auch niemand vom immer noch verschwundenen Hofstaat. Es war Ignatz.
Der kleine Commander schien es sehr eilig zu haben.
»Du mußt mir helfen!« schrie Eliot. Er war noch nie in Panik geraten. Das
war eine der Sachen, für die er Ignatz hatte. »Dein Androide verfolgt mich!
Du mußt ihn abstellen!«
Schnarr. Natürlich war Lode schneller als er. Perkins hätte längst seine
Batterie auffrischen müssen. Aber er konnte trotzdem nicht entkommen. R3
kannte den Palast. Und er war in der Lage, einer Spur zu folgen. Seine
Sensoren ertasteten jene mikrofeinen Partikel weißen Puders, die Lode zurückließ,
wohin er auch ging. Er würde ihn finden.
Abstellen … als Ignatz seine Sachen in die Tasche warf, da hatte er so
ziemlich alles eingepackt, was er in den nächsten Tagen brauchen würde. Die
Fernbedienung für R3 gehörte nicht dazu. Sie lag immer noch in der Schublade
seines Nachttisches. Er hatte völlig vergessen, den Androiden zu
deaktivieren! Und Commander Perkins war der einzige, auf den R3 zumindest
manchmal hörte. Eliot dagegen hatte er immer gehaßt. Ignatz hätte um ein
Haar seinen besten Freund mit einem außer Kontrolle geratenen Androiden
allein gelassen!
»Zu meinem Zimmer, schnell!« rief er. »Die Fernbedienung!«
Eliot begriff sofort, was er meinte. Es war wie in der guten alten Zeit, als
er nicht immer das Gefühl hatte, an Eliot vorbeizureden, sondern sie sich
durch wenige Blicke und Gesten verständigen konnten. Ignatz ließ die Tasche
fallen. Für die Flucht war hinterher immer noch genug Zeit. Erst mußten sie
R3 abschalten.
»Also, nun aber mal ganz langsam«, sagte Hans gebieterisch. »Wer ist hier
mit wem verwandt?«
Alle redeten durcheinander.
Da waren sie. Beide. Natürlich. Er hatte gewußt, daß er sich auf seine
Sensoren verlassen konnte.
Auf dem Gang kam ihnen jemand entgegengerollt. Und es gab nur einen, der in
diesem Palast rollte, zumindest mit derart eirigen Bewegungen. R3 hatte sie
gefunden. Und das Üble war - er befand sich zwischen ihnen und Ignatz’
Zimmertür. Vielleicht würde es ihnen ja mit einem klassischen Bluff
gelingen, ihn reinzulegen …
»Ah, R3, da bist du ja«, sagte Commander Perkins so leutselig, wie seine
kalte Psychopathenstimme das nur konnte. »Und ich hatte mich schon gefragt,
wo du stecktest.«
Es war zu spät. Nix Bluff.
»Sie brauchen sich gar nicht mehr zu verstellen«, schnarrte der Androide.
Kein ‘Meister’ mehr. Aus seinen blinkenden Dioden sprach der blanke Haß.
»Ich weiß alles. Sie hätten niemals versuchen dürfen, künstliche
Intelligenz hinters Licht zu führen. Sie ist der natürlichen bei weitem überlegen.«
Da keiner der Anwesenden bis jetzt die Gelegenheit gehabt hatte. H2SO4
näher kennenzulernen, erkannten weder Ignatz noch Eliot, welche Person der
Handlung in der Tat einen verschollenen Zwilling gehabt hatte. Nur soviel sei
gesagt: Es ist nicht Hanuta
…
Sie konnten natürlich weiter von ihm weglaufen. Er war nicht so schnell wie
sie. Aber das konnten sie nicht auf die Dauer tun. Wenn der irre Elektroid ein
Ziel vor Augen hatte, dann verfolgte er es notfalls bis ans Ende des
Universums. Und sie konnten nicht für immer vor einem Androiden fliehen.
»Eliot …«, flüsterte er. »Hast du noch dein Lichtschwert dabei?«
Seinen Laser hielt er die ganze Zeit schon griffbereit, ursprünglich, um
einer Begegnung mit den Wachen zumindest etwas entgegenhalten zu können. Sie
hatten schon viele Showdowns zusammen erlebt. Aber in keinem hatten sie derart
das Gefühl gehabt, auf der Seite der Guten zu stehen.
Und sie hatten noch keinmal gewinnen müssen.
»Durchlaucht, haben Sie mir nicht erzählt, daß der Finstere Eliot Lode um
Ihre Hand angehalten hat?«
Hanuta nickte energisch. »Aber ich habe ihn abgewiesen.«
»Hätte er Sie heiraten wollen, wenn er in Wirklichkeit ihr Vater ist? Denn
genau das versuchen Sie mir gerade zu erklären!«
Hanuta schluckte. »Ich … weiß nicht.«
»Ihm wäre alles zuzutrauen!« rief Keith dazwischen, aber ein grimmiger
Blick von Tabaccso brachte ihn zum Schweigen.
Hans fuhr mit dem Verhör der Zeugin fort.
»Als Sie ihm das erste Mal sahen, für wie alt hielten Sie ihn da? Schätzen
sie nur ungefähr!«
Hanuta überlegte. »Um die dreißig, würde ich sagen.«
Damit lag sie ziemlich richtig. Aber das konnte Hans schlecht zugeben. »Sehr
schön. Und Sie glauben also, ihr Vater müßte ungefähr in diesem Alter
sein?« Hanuta, die siebzehn war (das stand in ihren Unterlagen) schüttelte
verlegen den Kopf. Hans fuhr fort: »Und jetzt kommt das ultimative
Gegenargument, mit dem Sie ihre Behauptung sofort zurückziehen werden: Wenn
Eliot tatsächlich ihr Vater sein sollte - kann ja sein, daß er ein extrem frühreifes
Kind war - dann können Sie nicht gleichzeitig die Tochter von König Hanurabi
von Apura sein. Und Ihr Machtanspruch wäre erloschen. Gleiches gilt für die
Behauptung, der arme Keith wäre Ihr Bruder. Denn selbst, wenn Sie wirklich
eine Prinzessin sind, wäre er der verschollene Prinz und stünde in der
Thronfolge als männliches Wesen vor Ihnen. Ziehen Sie angesichts dieser
Beweislast Ihre aussage zurück?«
»Ja!« schrie Hanuta. »Vergessen Sie alles, was ich gesagt habe!«
Ignatz hatte noch nie erlebt, wie R3 einen Menschen desintegrierte. Es war
nicht einmal im Buch detailliert beschrieben gewesen, was er immer irgendwie für
ein Manko gehalten hatte. Nun wußte er, warum die Autorin damals auf eine nähere
Beschreibung verzichtet hatte.
Das Blechgesicht des Androiden war immer schon eine häßliche Fratze gewesen,
zumindest, seit Lucy mit dem Schweißbrenner darüber hergefallen war. Aber
nun war es ihm irgendwie gelungen, die starre Maske noch weiter zu verzerren.
Natürlich waren sie beide bewaffnet. Aber R3 war darauf programmiert, mit so
etwas zu rechnen. Das Scheusal war siegesgewiß. Sehr siegesgewiß, sogar. Und
es war ihm irgendwie gelungen, sie auf einem langen, nach beiden Seiten
offenen Gang rücklings in eine Nische zu drängen.
»Ich bin grob«, schnarrte er. »Bereiten
sie sich auf die Dissimilierung vor. Widerstand ist Zwecklos.«
Es war ein wunder, daß Eliots Make-up selbst in dieser Lage noch tadellos saß.
Nicht einmal seine Perücke war verrutscht. Ignatz war froh, selbst keine
Maske aufgelegt zu haben. Nichts ist schlimmer als Schminke, die in
Angstmomenten langsam von der Stirn in die Augen läuft.
»Nun zu Behauptung Nummer zwei. Keith. Wie kommst du auf die Idee, Sohn des
finsteren Eliots zu sein?«
Keith warf einige verzweifelte Blicke zum Alten Iwan, der voller Begeisterung
mit seinem Finger Bilder auf die beidseitig verschmierten Fenster der Steaming Freezer zeichnete, und sagte nichts.
»Für die gilt das gleiche Argument in Punkto des Alters. Meinst du nicht,
dein Weitsichtiger Adler Eyewalker müßte älter als dreizehn Jahre gewesen
sein, um einen derartigen Ruhm errungen zu haben?«
»Sir, es besteht die Möglichkeit, daß sich der Betreffende einige Jahre
lang jenseits unserer Zeitmaßstäbe aufgehalten hat und heute möglicherweise
sogar jünger ist als damals«, warf H2SO4 ein.
»Einspruch abgelehnt. Keith, hast du irgendwelche Zeugen für deine
Behauptung?«
Keith fragte sich, warum sein Meister sich gerade jetzt wieder so verstellen
mußte. Jetzt war der Zeitpunkt, um alles aufzuklären.
Der Alte Iwan hatte seinen linken Schuh ausgezogen und spielte damit Flugzeug.
»Sie haben Angst vor mir, nicht wahr?« schnarrte R3. »Ich mag es, wenn Sie
Angst haben. Genießen Sie den Moment. Er wird nicht mehr lange dauern.«
Eliots Lichtschwert glitt einfach durch ihn hindurch. Die Oberfläche des
Androiden widerstand selbst dem scharfen Laserstrahl. In der Tat war die
Fernbedienung das einzige Mittel, um R3 auszuschalten. Sie saßen in der
Falle. Und das war ihr Glück.
R3 gehörte zu jener Art von Bestien, die sich an der Not ihrer Opfer
weideten. Solange sie ordentlich zitterten, würde er das genießen und nicht
angreifen. Ignatz versuchte sich zu erinnern, was in dem Buch passiert war. Er
hatte sich immer angestrengt zu vergessen, daß der literarische R3 sich
schließlich gegen seinen Herren wandte und es einen dramatischen Kampf gab
zwischen ihnen. Aber im Buch hatte Commander Perkins gesiegt. Wie hatte er es
getan? Dunkel erinnerte sich Ignatz an eine Schrottpresse.
Das reichte. Seine Opfer winseln zu sehen war schön und gut, aber nicht mit
echtem Metzeln und Schnetzeln zu vergleichen.
Ihn umwerfen … Natürlich, das mußte gehen! Warum war er noch nicht vorher
darauf gekommen? Wenn der Androide am Boden lag, konnte er nicht aus eigener
Kraft wieder aufstehen.
Eliot spannte seine Muskeln unbemerkt an, um nicht den Verdacht R3s zu
erregen, und sprang nach vorne. Angriff war die beste Verteidigung. Einen
Moment lang bedauerte er, kein Publikum zu haben. Er kickte den nichtsahnenden
Roboter aus den Latschen, schlug einen Salto und landete einen Meter von dem
scheppernden Blechhaufen auf dem Boden. Wer hätte gedacht, daß es so einfach
sein würde?
Wer hatte behauptet, daß es so einfach war?
Ein Schraubstock schloß sich plötzlich um seinen Knöchel und riß so abrupt
daran, daß Eliot zu Boden stürzte. Im nächsten Moment war der Blechhaufen
über ihm.
Er hatte die Gimmicks vergessen! Lucy hatte sich an R3 so richtig ausgetobt.
Sie hatte mehr getan, als nur einen Persönlichkeitschip auszutauschen. Da ihr
alter Androide Artur ungefähr zu dem Zeitpunkt endgültig auseinandergefallen
war, hatte sie seine Einzelteile mit verarbeitet. Was hatte R3 noch, außer
ausfahrbaren Armen?
Eliot stöhnte vor Schmerz auf, während er versuchte, einem Androiden die
Luftröhre abzudrehen. R3 versuchte das gleiche mit ihm. Früher oder später
würde einer von ihnen aufgeben müssen.
Die Frage war schlicht, wer den längeren Atem hatte.
»Ich rufe den Alten Iwan in den Zeugenstand!« rief Hans. Er hatte noch nie
etwas anderes spielen müssen als den Weitgehend Einsamen Streiter, und jetzt
war er plötzlich ein ganzer Gerichtshof in Personalunion. Es machte ihm sogar
richtiggehend Spaß. Nur Lucy war offensichtlich verärgert, weil sie in der
Szene nicht mitspielen durfte. Verärgert? Sie war stinksauer. Er konnte es
ihr nicht verdenken. Seit einigen Wochen trug sie das Flokatikostüm praktisch
Tag und Nacht, mit nur kurzen Unterbrechungen. Wenn das Abenteuer vorbei war,
würde es schwer werden, sie wieder zu besänftigen.
»Hier ich bin«, sagte Iwan.
Hans wußte, daß es nicht schwer sein würde, seine Glaubwürdigkeit zu
widerlegen. Er hielt eine Hand hoch.
»Wieviele Finger zeige ich?«
»Was ist drei?« antwortete der Alte, als befinde er sich in einer Rateshow.
Natürlich hatte Hans das Falsche gesagt. Mit dem Fingertest konnte man
feststellen, ob jemand eine Brille brauchte oder einen besonders starken
Kaffee. Was sollte er statt dessen fragen?
Ignatz konnte bei so ziemlich allem zusehen, aber nicht bei diesem Kampf.
Eliot sollte machen, daß er wegkam. Dies war eine Sache zwischen Perkins und
R3, wie im Buch. Und nicht nur Eliot hatte eine Ausbildung im Bühnenkampf
genossen. Alles, was Ignatz jetzt noch brauchte, war eine Schrottpresse.
Er warf sich von hinten auf R3, umklammerte ihn, so gut das bei dem glatten
Metall ging, um riß ihn nach hinten.
Zeitgleich wagte allerdings auch Eliot mit seiner letzten Atemluft den
klassischen Kampftrick No.3: Beine unten dem Gegner anwinkeln,
abrupt strecken und dabei selbst nach hinten abrollen.
Das Aufeinandertreffen beider Aktionen bewirkte, daß jetzt Eliot frei war, während
Ignatz mitsamt seinem durchgedrehten Androiden rückwärts taumelte. Seit wann
verfügte Eliot über eine derartige Kraft in den Beinen?
R3, der fast so groß war wie er selbst, wand sich mit ungeheuren Kräften in
Ignatz Griff und konnte ihm jeden Moment aus dem Arm glitschen. Aber halt! War
nicht Commander Perkins selbst ein Psychopath? Und verfügten nicht
Psychopathen manchmal über unnatürliche Kräfte? Ignatz zerrte R3 den Gang
hinunter, zurück zu den Nische, in der Eliot und er festgesessen hatten.
Es war nicht direkt eine Nische.
Diese Einbuchtung in der Wand gehörte zu einem Müllschluckerschacht. Da
hatte er seine Schrottpresse.
»Oh nein, so leicht besiegst du mich nicht!« kreischte R3. Wahrscheinlich
war sich der Androide dessen nicht bewußt, aber seine Stimme war die wohl gefährlichste
Waffe, über die er verfügte. Angesichts der unerträglich hohen Pfeif- und
Kratzlaute verspürte Ignatz den starken Drang, alles loszulassen und sich die
Ohren zuzuhalten. Aber er hielt durch. Sie standen jetzt direkt vor der
Klappe. Sie war zu. Um sie aufzuschieben, hätte Ignatz mindestens eine Hand
gebraucht. So ein Mist aber auch!
Aber er war schließlich nicht allein. Und es hat doch wohl niemand ernsthaft
angenommen, Eliot hätte die Gelegenheit zur Flucht genutzt?
»Den Schacht, schnell!« rief Ignatz. Keine Zeit für lange Erklärungen.
Psychopathenkräfte reichten nicht für unbegrenzte Zeit. Lange würde er das
Monstrum nicht mehr halten können. Hoffentlich begriff Eliot, was er
vorhatte.
Ob er es begriff oder nicht, Eliot stemmte die Klappe des Müllschluckers auf.
Ungefähr in Ignatz’ Hüfthöhe gähnte jetzt ein Loch, hinter dem es
verdammt tief runter ging.
Ignatz zögerte nicht lange - er mußte den Überraschungseffekt nutzen. Immer
noch mit dem Androiden verkeilt, rollte er sich über die Brüstung.
»Sir, wenn ich -« begann H2SO4. Das war es!
Hans deutete auf den Verwaltungsandroiden. »Dieses Ding?«
Der Alte Iwan schlug mit der Hand auf den Tisch. »Eine sprechende Stehlampe -
was ist eine sprechende Stehlampe?«
Hans hörte Lucy unter ihrem Kostüm glucksen und bemerkte Keith’ immer
entsetzteren Gesichtsausdruck. Aber der schönste Anblick war ein
offensichtlich sprachloser H2SO4.
»Sehr schön«, sagte Hans. »Und nun die Masterfrage. Dieses Ding?« Er
deutete auf den kleinen NO3, der entrüstet auffiepte.
»Was ist ein Staubsauger?« jubelte der Alte Iwan.
»Gut«, sagte Hans. »Nun noch eine Frage, und Sie haben gewonnen. Dieses
Geschöpf?«
Noch bevor der alte Mann antworten konnte, war Keith dem ausgestreckten
Zeigefinger von Hans ausgewichen. Er schien den Tränen nahe zu sein. »Mein
Name ist Keith Svensson«, sagte er kleinlaut. »Von der Svensson-Farm.«
Gleichzeitig ließ Ignatz los und streckte die Arme aus. Mit der Routine eines
Trapezkünstlers, der seinen fliegenden Partner auffängt, griff Eliot zu, als
hätte Ignatz sein Leben lang nichts anderes gemacht, als in Müllschlucker zu
springen.
Aus dem Abgrund wehte beißend kalte Luft nach oben, die mit etwas
ausgesprochen Übelriechenden durchtränkt war. Wann war der Müllschlucker
zuletzt geleert worden? Hätte Ignatz nach unten geblickt, so hätte er
festgestellt, daß es in der Tat nur etwa zwei Meter Abgrund waren. Bis
dorthin war der Schacht mit einer Säule aus Müll gefüllt.
Oben hielt ihn jetzt Eliot fest. Aber R3 war nicht abgestürzt. Er klammerte
sich an seine Hüfte und machte sich daran, seinen Rücken zu besteigen.
Ignatz strampelte mit den Beinen, während er gleichzeitig das Gefühl hatte,
mittig durchgerissen zu werden. Wenn er das hier überlebte, würde er nie
wieder behaupten können, zu klein zu sein. Oder zu dick.
»Ignatz«, sagte Eliot mit jener hysterischen Heiterkeit von Leuten, die
unbedingt in Streßsituationen etwas sagen müssen, obwohl es nichts zu sagen
gibt. «Da unten ist etwas Schmutziges.«
»Ja«, ächzte Ignatz. »Deine Phantasie.«
Der Androide rutschte ein Stück an seinen Beinen nach unten. Wunderbar. Bald
würde er abstürzen.
»Halt durch, Ignatz!« rief Eliot, der vor dem Loch auf dem Boden kniete.
Nichts anderes hatte Ignatz vor. Rasch blickte er um sich und checkte die
Lage. Wie tief der Schacht auch immer sein mochte, er hatte einen Durchmesser
von weniger als einem Meter. Das war seinen Chance! Ignatz schwang die Beinen
nach hinten.
Schepper! R3 knallte gegen die Wand, hielt aber immer noch fest. Zweiter
Anlauf. Eliot hatte jetzt begriffen, was er vorhatte, und hielt Ignatz etwas
weiter in den Schacht hinein, damit er frei Schwingen konnte. Knacks*!
Knacks**!
Hust***!
Krach*! Knacks****!
Schepper*!
Mit einem letzten wahnsinnigen Aufschrei ließ R3 Ignatz los und verschwand im
Abgrund.*****
Hustend und keuchend zog Eliot Ignatz nach oben und schob mit letzter Kraft
die Klappe des Müllschluckers zu.
»Laßt mich sofort wieder hier raus!« ertöne die Stimme des Androiden nicht
weit unter ihnen. Ignatz und Eliot blickten sich an.
»Und was machen wir jetzt?«
Unruhig ließ Ignatz seinen Augen über die Wand streifen, ohne daß ihm klar
war, wonach er eigentlich suchte. Schließlich blieb sein Blick an einem Hebel
hängen. Schrottpresse. Wann immer der Mechanismus zuletzt in Gang gesetzt
worden war - jetzt war es wieder an der Zeit. Alles, was sich hinter und unter
der Klappe befand, mußte zusammengepreßt werden.
Aber als Ignatz nach dem Hebel griff, stellte er fest, daß er seine Arme
nicht rühren konnte. Er schrie vor Schmerzen auf.
»Einen Moment«, sagte Eliot und renkte ihm die Schultern wieder ein. Dann
zogen sie gemeinsam an dem schon leicht eingerosteten Hebel. Unten, tief im
Inneren der Burg, begann sich ein antiquierter Mechanismus zu regen. Ächzend
und stöhnend setzte sich die Hydraulik in Bewegung. Jetzt konnte es noch höchstens
drei Stunden dauern, bis auch der Inhalt des Müllschachts unten angekommen
war und zerquetscht wurde. Jubelnd fielen sich die Freunde in die Arme. Sie
hatten gesiegt.
»Und jetzt laßt uns abhauen!« schrie Ignatz. »Wir haben keine Zeit zu
verlieren! Die Wachen können jeden Moment zurückkommen. Und sie wollen mich
immer noch töten!«
Das hätte er nicht sagen dürfen. Er hätte wissen müssen, daß man immer
bei genau diesem Satz eine größere Anzahl benagelter Stiefel in den Gang
einbiegen hört.
»Du haust ab«, sagte Eliot, rutschte seine leicht eingestaubte Perücke
zurecht und hoffte, daß sein weißes Make-up nicht allzu verschmiert war.
Aber wie üblich sah er aus wie aus dem Ei gepellt. »Ich halte dir den Rücken
frei. Mich wollen sie schließlich nicht umbringen.« Eine plötzliche
Erkenntnis bewegte ihn dazu, mit leiser Stimme hinzuzufügen: »Noch nicht!«
»Keine Angst!« rief Ignatz, während er den Gang hinunter in Richtung
Freiheit lief. »Wir holen dich schon irgendwie hier raus!«
»Hört, Hört!« Hans hatte immer schon einmal Richter sein wollen. »Ich
erkläre die Vernehmung der Zeugen hier mit für beendet.«
»Mr. Olo, Sir«, sagte H2SO4, nachdem sich der Lärm
etwas gelegt hatte. »Dürfte ich, nur für das Protokoll darauf hinweisen, daß
ich beim besten Willen keine Stehlampe bin, sondern ein Verwaltungsandroide?
Es widerspricht meiner Programmierung, einen Leuchtkörper darzustellen.«
Während Ignatz zu seinem Shuttle rannte und der Finstere Eliot Lode seinen
Wachen entgegenging, rutschte ein weiterer Kubikmeter Müll zwischen die Mahlräder.
R3 hörte das Geräusch mit seinen verbeulten Sensoren. Der Müll, auf dem er
lag, war schon um acht Millimeter nach unten gesunken. Er wußte, was das
bedeutete.