Kein Alarm im Weltall

SF-Parodie
von Maja Ilisch

Episode VII

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Vier


Irgendwie hatte Eliot das Gefühl, daß die Korridore des Palastes vorher nicht so gehallt hatten. Dann merkte er, woran es lag: Sie waren völlig menschenleer. All seine Wachen und Bediensteten, die sonst immer so emsig umhergelaufen waren mit Waffen und Erfrischungen, waren plötzlich verschwunden. Eliot mußte schmunzeln. Da hatte das Eindringen der ‘Rebellen’ soviel Wirbel verursacht, daß nun alle Schloßbewohner sicherer Verstecke aufgesucht hatten, um vor dem nächsten Übergriff geschützt zu sein. Soviel zum Thema ‘Von den Apurianern geht eine Gefahr aus’. 
Aber es war so seltsam, so ruhig … Nun, so ruhig war es nun auch wieder nicht. Hinter sich hörte Eliot ein leises Schnarren. Er blieb stehen und sah sich um. R3 war gerade in den Gang eingebogen, aber jetzt konnte Eliot gerade noch sehen, wie der Droide in einer Nische verschwand. Das behagte ihm gar nicht. Er hatte immer darauf geachtet, nie mit R3 allein zu sein - erstaunlich, wie Ignatz das aushielt. Aber jetzt war niemand da, außer dem Androiden und ihm … Eliot ging einen Schritt schneller.
Schnarr.
Eliot ging noch einen Schritt schneller. Er dachte an neulich, als R3 vor Ignatz’ Tür gestanden hatte. Wenn der Androide sie belauscht hatte, dann war genau das eingetreten, was sie die ganze Zeit hatten befürchten müssen: Die kleinen verbogenen Rädchen im Metallkopf hatten angefangen, sich ineinander zu verzahnen, und nach und nach entdeckte der schwarz eloxierte Psychopath die Wahrheit.
Eliot begann zu rennen. Er mußte Ignatz finden.
R3 folgte ihm, so schnell es ging. Zum Glück ging es nicht schnell genug.


Eliot hatte es ja unbedingt so gewollt. Jetzt konnte Ignatz keine Rücksicht mehr auf ihn nehmen. Die Wachen und große Teile der ‘zivilen’ Besatzung des Palastes waren eingekerkert, aber die Frage war - für wie lange? Er hatte die Schlösser dort unten selbst manipuliert, um seinerzeit der Prinzessin eine leichte Flucht zu ermöglichen … Es schien so lange her zu sein. Jetzt war er derjenige, der floh. Er hatte Eliot mehr als dreimal ernsthaft aufgefordert, mitzukommen und war jedesmal nur ausgelacht worden. Freundschaft hin oder her - es gab Momente, in denen Ignatz auch mal an sein eigenes Leben denken mußte. Wenn die Wachen freikamen, war er tot. Der Neutralizer hatte ihn nur vor subtilen, heimtückischen Giftanschlägen bewahrt (und die waren in den letzten Tagen so zahlreich gewesen, daß Ignatz schon gar nicht mehr wußte, wie echter, heißer Earl-Grey-Tee schmeckte) aber er half nicht gegen alle Schadstoffe, die in den menschlichen Körper eindringen konnten - zum Beispiel Dolche. Ignatz würde Eliot eine Nachricht hinterlassen. Das Shuttle stand schon bereit. Und wenn er erst einmal Kontakt zu Hans und Lucy aufgenommen hatte, würde es ein Leichtes sein, Eliot in Sicherheit u bringen. Immerhin würden die apurianischen Schurken ihm nichts tun. Die Gefahr bestand höchstens darin, daß sie Eliot jetzt tatsächlich dazu breitschlagen würden, mit ihnen das All zu erobern. Er war immer schon schlecht darin gewesen, anderen einen Wunsch abzuschlagen, sofern es ihm Spaß versprach.
Mit seiner Reisetasche in der Hand rannte Ignatz den leeren Gang hinunter. Es gehörte einige Kunst dazu, sich hier nicht zu verlaufen, aber sie waren schon so lange hier, daß er jede Bodenkachel beim Vornamen kannte.


Aus einem Seitengang hörte Eliot eilige Schritte. Er rannte in ihre Richtung. Wer immer es sein mochte - es war nicht das Schnarren und Kratzen des kranken Roboters, und das allein zählte.
Und es war auch niemand vom immer noch verschwundenen Hofstaat. Es war Ignatz. Der kleine Commander schien es sehr eilig zu haben.
»Du mußt mir helfen!« schrie Eliot. Er war noch nie in Panik geraten. Das war eine der Sachen, für die er Ignatz hatte. »Dein Androide verfolgt mich! Du mußt ihn abstellen!«


Schnarr. Natürlich war Lode schneller als er. Perkins hätte längst seine Batterie auffrischen müssen. Aber er konnte trotzdem nicht entkommen. R3 kannte den Palast. Und er war in der Lage, einer Spur zu folgen. Seine Sensoren ertasteten jene mikrofeinen Partikel weißen Puders, die Lode zurückließ, wohin er auch ging. Er würde ihn finden.


Abstellen … als Ignatz seine Sachen in die Tasche warf, da hatte er so ziemlich alles eingepackt, was er in den nächsten Tagen brauchen würde. Die Fernbedienung für R3 gehörte nicht dazu. Sie lag immer noch in der Schublade seines Nachttisches. Er hatte völlig vergessen, den Androiden zu deaktivieren! Und Commander Perkins war der einzige, auf den R3 zumindest manchmal hörte. Eliot dagegen hatte er immer gehaßt. Ignatz hätte um ein Haar seinen besten Freund mit einem außer Kontrolle geratenen Androiden allein gelassen!
»Zu meinem Zimmer, schnell!« rief er. »Die Fernbedienung!«
Eliot begriff sofort, was er meinte. Es war wie in der guten alten Zeit, als er nicht immer das Gefühl hatte, an Eliot vorbeizureden, sondern sie sich durch wenige Blicke und Gesten verständigen konnten. Ignatz ließ die Tasche fallen. Für die Flucht war hinterher immer noch genug Zeit. Erst mußten sie R3 abschalten.


»Also, nun aber mal ganz langsam«, sagte Hans gebieterisch. »Wer ist hier mit wem verwandt?«
Alle redeten durcheinander.


Da waren sie. Beide. Natürlich. Er hatte gewußt, daß er sich auf seine Sensoren verlassen konnte.


Auf dem Gang kam ihnen jemand entgegengerollt. Und es gab nur einen, der in diesem Palast rollte, zumindest mit derart eirigen Bewegungen. R3 hatte sie gefunden. Und das Üble war - er befand sich zwischen ihnen und Ignatz’ Zimmertür. Vielleicht würde es ihnen ja mit einem klassischen Bluff gelingen, ihn reinzulegen …
»Ah, R3, da bist du ja«, sagte Commander Perkins so leutselig, wie seine kalte Psychopathenstimme das nur konnte. »Und ich hatte mich schon gefragt, wo du stecktest.«
Es war zu spät. Nix Bluff.
»Sie brauchen sich gar nicht mehr zu verstellen«, schnarrte der Androide. Kein ‘Meister’ mehr. Aus seinen blinkenden Dioden sprach der blanke Haß. »Ich weiß alles. Sie hätten niemals versuchen dürfen, künstliche Intelligenz hinters Licht zu führen. Sie ist der natürlichen bei weitem überlegen.«
Da keiner der Anwesenden bis jetzt die Gelegenheit gehabt hatte. H2SO4 näher kennenzulernen, erkannten weder Ignatz noch Eliot, welche Person der Handlung in der Tat einen verschollenen Zwilling gehabt hatte. Nur soviel sei gesagt: Es ist nicht Hanuta … 
Sie konnten natürlich weiter von ihm weglaufen. Er war nicht so schnell wie sie. Aber das konnten sie nicht auf die Dauer tun. Wenn der irre Elektroid ein Ziel vor Augen hatte, dann verfolgte er es notfalls bis ans Ende des Universums. Und sie konnten nicht für immer vor einem Androiden fliehen.
»Eliot …«, flüsterte er. »Hast du noch dein Lichtschwert dabei?«
Seinen Laser hielt er die ganze Zeit schon griffbereit, ursprünglich, um einer Begegnung mit den Wachen zumindest etwas entgegenhalten zu können. Sie hatten schon viele Showdowns zusammen erlebt. Aber in keinem hatten sie derart das Gefühl gehabt, auf der Seite der Guten zu stehen.
Und sie hatten noch keinmal gewinnen müssen.


»Durchlaucht, haben Sie mir nicht erzählt, daß der Finstere Eliot Lode um Ihre Hand angehalten hat?«
Hanuta nickte energisch. »Aber ich habe ihn abgewiesen.«
»Hätte er Sie heiraten wollen, wenn er in Wirklichkeit ihr Vater ist? Denn genau das versuchen Sie mir gerade zu erklären!«
Hanuta schluckte. »Ich … weiß nicht.«
»Ihm wäre alles zuzutrauen!« rief Keith dazwischen, aber ein grimmiger Blick von Tabaccso brachte ihn zum Schweigen.
Hans fuhr mit dem Verhör der Zeugin fort.
»Als Sie ihm das erste Mal sahen, für wie alt hielten Sie ihn da? Schätzen sie nur ungefähr!«
Hanuta überlegte. »Um die dreißig, würde ich sagen.«
Damit lag sie ziemlich richtig. Aber das konnte Hans schlecht zugeben. »Sehr schön. Und Sie glauben also, ihr Vater müßte ungefähr in diesem Alter sein?« Hanuta, die siebzehn war (das stand in ihren Unterlagen) schüttelte verlegen den Kopf. Hans fuhr fort: »Und jetzt kommt das ultimative Gegenargument, mit dem Sie ihre Behauptung sofort zurückziehen werden: Wenn Eliot tatsächlich ihr Vater sein sollte - kann ja sein, daß er ein extrem frühreifes Kind war - dann können Sie nicht gleichzeitig die Tochter von König Hanurabi von Apura sein. Und Ihr Machtanspruch wäre erloschen. Gleiches gilt für die Behauptung, der arme Keith wäre Ihr Bruder. Denn selbst, wenn Sie wirklich eine Prinzessin sind, wäre er der verschollene Prinz und stünde in der Thronfolge als männliches Wesen vor Ihnen. Ziehen Sie angesichts dieser Beweislast Ihre aussage zurück?«
»Ja!« schrie Hanuta. »Vergessen Sie alles, was ich gesagt habe!«


Ignatz hatte noch nie erlebt, wie R3 einen Menschen desintegrierte. Es war nicht einmal im Buch detailliert beschrieben gewesen, was er immer irgendwie für ein Manko gehalten hatte. Nun wußte er, warum die Autorin damals auf eine nähere Beschreibung verzichtet hatte.
Das Blechgesicht des Androiden war immer schon eine häßliche Fratze gewesen, zumindest, seit Lucy mit dem Schweißbrenner darüber hergefallen war. Aber nun war es ihm irgendwie gelungen, die starre Maske noch weiter zu verzerren. Natürlich waren sie beide bewaffnet. Aber R3 war darauf programmiert, mit so etwas zu rechnen. Das Scheusal war siegesgewiß. Sehr siegesgewiß, sogar. Und es war ihm irgendwie gelungen, sie auf einem langen, nach beiden Seiten offenen Gang rücklings in eine Nische zu drängen.
»Ich bin grob«, schnarrte er. »Bereiten sie sich auf die Dissimilierung vor. Widerstand ist Zwecklos.«
Es war ein wunder, daß Eliots Make-up selbst in dieser Lage noch tadellos saß. Nicht einmal seine Perücke war verrutscht. Ignatz war froh, selbst keine Maske aufgelegt zu haben. Nichts ist schlimmer als Schminke, die in Angstmomenten langsam von der Stirn in die Augen läuft.


»Nun zu Behauptung Nummer zwei. Keith. Wie kommst du auf die Idee, Sohn des finsteren Eliots zu sein?«
Keith warf einige verzweifelte Blicke zum Alten Iwan, der voller Begeisterung mit seinem Finger Bilder auf die beidseitig verschmierten Fenster der Steaming Freezer zeichnete, und sagte nichts.
»Für die gilt das gleiche Argument in Punkto des Alters. Meinst du nicht, dein Weitsichtiger Adler Eyewalker müßte älter als dreizehn Jahre gewesen sein, um einen derartigen Ruhm errungen zu haben?«
»Sir, es besteht die Möglichkeit, daß sich der Betreffende einige Jahre lang jenseits unserer Zeitmaßstäbe aufgehalten hat und heute möglicherweise sogar jünger ist als damals«, warf H2SO4 ein.
»Einspruch abgelehnt. Keith, hast du irgendwelche Zeugen für deine Behauptung?«
Keith fragte sich, warum sein Meister sich gerade jetzt wieder so verstellen mußte. Jetzt war der Zeitpunkt, um alles aufzuklären.
Der Alte Iwan hatte seinen linken Schuh ausgezogen und spielte damit Flugzeug.


»Sie haben Angst vor mir, nicht wahr?« schnarrte R3. »Ich mag es, wenn Sie Angst haben. Genießen Sie den Moment. Er wird nicht mehr lange dauern.«
Eliots Lichtschwert glitt einfach durch ihn hindurch. Die Oberfläche des Androiden widerstand selbst dem scharfen Laserstrahl. In der Tat war die Fernbedienung das einzige Mittel, um R3 auszuschalten. Sie saßen in der Falle. Und das war ihr Glück.
R3 gehörte zu jener Art von Bestien, die sich an der Not ihrer Opfer weideten. Solange sie ordentlich zitterten, würde er das genießen und nicht angreifen. Ignatz versuchte sich zu erinnern, was in dem Buch passiert war. Er hatte sich immer angestrengt zu vergessen, daß der literarische R3 sich schließlich gegen seinen Herren wandte und es einen dramatischen Kampf gab zwischen ihnen. Aber im Buch hatte Commander Perkins gesiegt. Wie hatte er es getan? Dunkel erinnerte sich Ignatz an eine Schrottpresse.


Das reichte. Seine Opfer winseln zu sehen war schön und gut, aber nicht mit echtem Metzeln und Schnetzeln zu vergleichen.


Ihn umwerfen … Natürlich, das mußte gehen! Warum war er noch nicht vorher darauf gekommen? Wenn der Androide am Boden lag, konnte er nicht aus eigener Kraft wieder aufstehen. 
Eliot spannte seine Muskeln unbemerkt an, um nicht den Verdacht R3s zu erregen, und sprang nach vorne. Angriff war die beste Verteidigung. Einen Moment lang bedauerte er, kein Publikum zu haben. Er kickte den nichtsahnenden Roboter aus den Latschen, schlug einen Salto und landete einen Meter von dem scheppernden Blechhaufen auf dem Boden. Wer hätte gedacht, daß es so einfach sein würde?
Wer hatte behauptet, daß es so einfach war? Ein Schraubstock schloß sich plötzlich um seinen Knöchel und riß so abrupt daran, daß Eliot zu Boden stürzte. Im nächsten Moment war der Blechhaufen über ihm.
Er hatte die Gimmicks vergessen! Lucy hatte sich an R3 so richtig ausgetobt. Sie hatte mehr getan, als nur einen Persönlichkeitschip auszutauschen. Da ihr alter Androide Artur ungefähr zu dem Zeitpunkt endgültig auseinandergefallen war, hatte sie seine Einzelteile mit verarbeitet. Was hatte R3 noch, außer ausfahrbaren Armen? 
Eliot stöhnte vor Schmerz auf, während er versuchte, einem Androiden die Luftröhre abzudrehen. R3 versuchte das gleiche mit ihm. Früher oder später würde einer von ihnen aufgeben müssen.
Die Frage war schlicht, wer den längeren Atem hatte.


»Ich rufe den Alten Iwan in den Zeugenstand!« rief Hans. Er hatte noch nie etwas anderes spielen müssen als den Weitgehend Einsamen Streiter, und jetzt war er plötzlich ein ganzer Gerichtshof in Personalunion. Es machte ihm sogar richtiggehend Spaß. Nur Lucy war offensichtlich verärgert, weil sie in der Szene nicht mitspielen durfte. Verärgert? Sie war stinksauer. Er konnte es ihr nicht verdenken. Seit einigen Wochen trug sie das Flokatikostüm praktisch Tag und Nacht, mit nur kurzen Unterbrechungen. Wenn das Abenteuer vorbei war, würde es schwer werden, sie wieder zu besänftigen.
»Hier ich bin«, sagte Iwan. 
Hans wußte, daß es nicht schwer sein würde, seine Glaubwürdigkeit zu widerlegen. Er hielt eine Hand hoch.
»Wieviele Finger zeige ich?«
»Was ist drei?« antwortete der Alte, als befinde er sich in einer Rateshow. Natürlich hatte Hans das Falsche gesagt. Mit dem Fingertest konnte man feststellen, ob jemand eine Brille brauchte oder einen besonders starken Kaffee. Was sollte er statt dessen fragen?


Ignatz konnte bei so ziemlich allem zusehen, aber nicht bei diesem Kampf. Eliot sollte machen, daß er wegkam. Dies war eine Sache zwischen Perkins und R3, wie im Buch. Und nicht nur Eliot hatte eine Ausbildung im Bühnenkampf genossen. Alles, was Ignatz jetzt noch brauchte, war eine Schrottpresse.
Er warf sich von hinten auf R3, umklammerte ihn, so gut das bei dem glatten Metall ging, um riß ihn nach hinten.
Zeitgleich wagte allerdings auch Eliot mit seiner letzten Atemluft den klassischen Kampftrick No.3: Beine unten dem Gegner anwinkeln, abrupt strecken und dabei selbst nach hinten abrollen. 
Das Aufeinandertreffen beider Aktionen bewirkte, daß jetzt Eliot frei war, während Ignatz mitsamt seinem durchgedrehten Androiden rückwärts taumelte. Seit wann verfügte Eliot über eine derartige Kraft in den Beinen? 
R3, der fast so groß war wie er selbst, wand sich mit ungeheuren Kräften in Ignatz Griff und konnte ihm jeden Moment aus dem Arm glitschen. Aber halt! War nicht Commander Perkins selbst ein Psychopath? Und verfügten nicht Psychopathen manchmal über unnatürliche Kräfte? Ignatz zerrte R3 den Gang hinunter, zurück zu den Nische, in der Eliot und er festgesessen hatten.
Es war nicht direkt eine Nische.
Diese Einbuchtung in der Wand gehörte zu einem Müllschluckerschacht. Da hatte er seine Schrottpresse.
»Oh nein, so leicht besiegst du mich nicht!« kreischte R3. Wahrscheinlich war sich der Androide dessen nicht bewußt, aber seine Stimme war die wohl gefährlichste Waffe, über die er verfügte. Angesichts der unerträglich hohen Pfeif- und Kratzlaute verspürte Ignatz den starken Drang, alles loszulassen und sich die Ohren zuzuhalten. Aber er hielt durch. Sie standen jetzt direkt vor der Klappe. Sie war zu. Um sie aufzuschieben, hätte Ignatz mindestens eine Hand gebraucht. So ein Mist aber auch!
Aber er war schließlich nicht allein. Und es hat doch wohl niemand ernsthaft angenommen, Eliot hätte die Gelegenheit zur Flucht genutzt?
»Den Schacht, schnell!« rief Ignatz. Keine Zeit für lange Erklärungen. Psychopathenkräfte reichten nicht für unbegrenzte Zeit. Lange würde er das Monstrum nicht mehr halten können. Hoffentlich begriff Eliot, was er vorhatte.
Ob er es begriff oder nicht, Eliot stemmte die Klappe des Müllschluckers auf. Ungefähr in Ignatz’ Hüfthöhe gähnte jetzt ein Loch, hinter dem es verdammt tief runter ging.
Ignatz zögerte nicht lange - er mußte den Überraschungseffekt nutzen. Immer noch mit dem Androiden verkeilt, rollte er sich über die Brüstung.

»Sir, wenn ich -« begann H2SO4. Das war es!
Hans deutete auf den Verwaltungsandroiden. »Dieses Ding?«
Der Alte Iwan schlug mit der Hand auf den Tisch. »Eine sprechende Stehlampe - was ist eine sprechende Stehlampe?«
Hans hörte Lucy unter ihrem Kostüm glucksen und bemerkte Keith’ immer entsetzteren Gesichtsausdruck. Aber der schönste Anblick war ein offensichtlich sprachloser H2SO4.
»Sehr schön«, sagte Hans. »Und nun die Masterfrage. Dieses Ding?« Er deutete auf den kleinen NO3, der entrüstet auffiepte.
»Was ist ein Staubsauger?« jubelte der Alte Iwan.
»Gut«, sagte Hans. »Nun noch eine Frage, und Sie haben gewonnen. Dieses Geschöpf?«
Noch bevor der alte Mann antworten konnte, war Keith dem ausgestreckten Zeigefinger von Hans ausgewichen. Er schien den Tränen nahe zu sein. »Mein Name ist Keith Svensson«, sagte er kleinlaut. »Von der Svensson-Farm.«


Gleichzeitig ließ Ignatz los und streckte die Arme aus. Mit der Routine eines Trapezkünstlers, der seinen fliegenden Partner auffängt, griff Eliot zu, als hätte Ignatz sein Leben lang nichts anderes gemacht, als in Müllschlucker zu springen.
Aus dem Abgrund wehte beißend kalte Luft nach oben, die mit etwas ausgesprochen Übelriechenden durchtränkt war. Wann war der Müllschlucker zuletzt geleert worden? Hätte Ignatz nach unten geblickt, so hätte er festgestellt, daß es in der Tat nur etwa zwei Meter Abgrund waren. Bis dorthin war der Schacht mit einer Säule aus Müll gefüllt. 
Oben hielt ihn jetzt Eliot fest. Aber R3 war nicht abgestürzt. Er klammerte sich an seine Hüfte und machte sich daran, seinen Rücken zu besteigen. Ignatz strampelte mit den Beinen, während er gleichzeitig das Gefühl hatte, mittig durchgerissen zu werden. Wenn er das hier überlebte, würde er nie wieder behaupten können, zu klein zu sein. Oder zu dick.
»Ignatz«, sagte Eliot mit jener hysterischen Heiterkeit von Leuten, die unbedingt in Streßsituationen etwas sagen müssen, obwohl es nichts zu sagen gibt. «Da unten ist etwas Schmutziges.«
»Ja«, ächzte Ignatz. »Deine Phantasie.«
Der Androide rutschte ein Stück an seinen Beinen nach unten. Wunderbar. Bald würde er abstürzen.
»Halt durch, Ignatz!« rief Eliot, der vor dem Loch auf dem Boden kniete. Nichts anderes hatte Ignatz vor. Rasch blickte er um sich und checkte die Lage. Wie tief der Schacht auch immer sein mochte, er hatte einen Durchmesser von weniger als einem Meter. Das war seinen Chance! Ignatz schwang die Beinen nach hinten.
Schepper! R3 knallte gegen die Wand, hielt aber immer noch fest. Zweiter Anlauf. Eliot hatte jetzt begriffen, was er vorhatte, und hielt Ignatz etwas weiter in den Schacht hinein, damit er frei Schwingen konnte. Knacks*! Knacks**! Hust***! Krach*! Knacks****! Schepper*!
Mit einem letzten wahnsinnigen Aufschrei ließ R3 Ignatz los und verschwand im Abgrund.***** Hustend und keuchend zog Eliot Ignatz nach oben und schob mit letzter Kraft die Klappe des Müllschluckers zu.
»Laßt mich sofort wieder hier raus!« ertöne die Stimme des Androiden nicht weit unter ihnen. Ignatz und Eliot blickten sich an.
»Und was machen wir jetzt?«
Unruhig ließ Ignatz seinen Augen über die Wand streifen, ohne daß ihm klar war, wonach er eigentlich suchte. Schließlich blieb sein Blick an einem Hebel hängen. Schrottpresse. Wann immer der Mechanismus zuletzt in Gang gesetzt worden war - jetzt war es wieder an der Zeit. Alles, was sich hinter und unter der Klappe befand, mußte zusammengepreßt werden.
Aber als Ignatz nach dem Hebel griff, stellte er fest, daß er seine Arme nicht rühren konnte. Er schrie vor Schmerzen auf.
»Einen Moment«, sagte Eliot und renkte ihm die Schultern wieder ein. Dann zogen sie gemeinsam an dem schon leicht eingerosteten Hebel. Unten, tief im Inneren der Burg, begann sich ein antiquierter Mechanismus zu regen. Ächzend und stöhnend setzte sich die Hydraulik in Bewegung. Jetzt konnte es noch höchstens drei Stunden dauern, bis auch der Inhalt des Müllschachts unten angekommen war und zerquetscht wurde. Jubelnd fielen sich die Freunde in die Arme. Sie hatten gesiegt.
»Und jetzt laßt uns abhauen!« schrie Ignatz. »Wir haben keine Zeit zu verlieren! Die Wachen können jeden Moment zurückkommen. Und sie wollen mich immer noch töten!«
Das hätte er nicht sagen dürfen. Er hätte wissen müssen, daß man immer bei genau diesem Satz eine größere Anzahl benagelter Stiefel in den Gang einbiegen hört.
»Du haust ab«, sagte Eliot, rutschte seine leicht eingestaubte Perücke zurecht und hoffte, daß sein weißes Make-up nicht allzu verschmiert war. Aber wie üblich sah er aus wie aus dem Ei gepellt. »Ich halte dir den Rücken frei. Mich wollen sie schließlich nicht umbringen.« Eine plötzliche Erkenntnis bewegte ihn dazu, mit leiser Stimme hinzuzufügen: »Noch nicht!«
»Keine Angst!« rief Ignatz, während er den Gang hinunter in Richtung Freiheit lief. »Wir holen dich schon irgendwie hier raus!«


»Hört, Hört!« Hans hatte immer schon einmal Richter sein wollen. »Ich erkläre die Vernehmung der Zeugen hier mit für beendet.«
»Mr. Olo, Sir«, sagte H2SO4, nachdem sich der Lärm etwas gelegt hatte. »Dürfte ich, nur für das Protokoll darauf hinweisen, daß ich beim besten Willen keine Stehlampe bin, sondern ein Verwaltungsandroide? Es widerspricht meiner Programmierung, einen Leuchtkörper darzustellen.«


Während Ignatz zu seinem Shuttle rannte und der Finstere Eliot Lode seinen Wachen entgegenging, rutschte ein weiterer Kubikmeter Müll zwischen die Mahlräder. R3 hörte das Geräusch mit seinen verbeulten Sensoren. Der Müll, auf dem er lag, war schon um acht Millimeter nach unten gesunken. Er wußte, was das bedeutete.


* Das war der Androide

** Das war Ignatz’ rechte Schulter.

*** Das war Eliot, dem die Dämpfe langsam den Atem raubten

**** Das war Ignatz’ linke Schulter.

***** Wahnsinn! Fünfzig Zentimeter!

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