Kein Alarm im Weltall

SF-Parodie
von Maja Ilisch

Episode IX

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Zwei


»Kopf hoch, Master Keith!« Vermutlich sollte H2SO4s Ver­such, Keith die Schulter zu brechen, die Nachahmung einer aufmunternden Geste sein. Leider hatte der Klaps in etwa die Wirkung eines Preßlufthammers, und Keith knallte mit dem Kinn auf die Tischplatte, welche er die letzte halbe Stunde lang so ausgiebig angestarrt hatte. Es half nicht direkt, seine Stimmung zu heben.
»Ach, laß mich in Ruhe!« murmelte er durch zusammengebissene Zähne und rieb sich den schmerzenden Kiefer. Wenn Hanuta versucht hätte, ihn aufzuheitern, wäre das sicher etwas anderes gewesen, aber die Prinzessin beachtete ihn nicht einmal. Keith konnte es ihr nicht verdenken. Was sollte sie schon groß von ihm halten, nachdem er bis jetzt keine Möglichkeit ausgelassen hatte, um sich als Dorfdepp darzustellen? Es war nur ein dummer Wunschtraum gewesen, sich irgendwie für wichtig oder auserwählt zu halten. Er war ein Nichts. Eliot Lode war nicht sein Vater. Sein Lichtschwert war kein Lichtschwert. Sein Meister war nichts als ein seniler alter Mann, für den Hans im Moment einen Heimplatz organisierte.
Überhaupt - Hans! Keith hätte jedesmal, wenn er den Kerl sah, schreien mögen. Hanuta liebte ihn. Aaaarrrggghhh! Und nun konnte er sich überhaupt keines Schrittes an Bord der Freezer mehr sicher sein, seit dieser Wahnsinnige umherschlich und seine Augen wirklich überall hatte. Alle Träume von großen Heldentaten hatten sich in Luft aufgelöst. Und es gab nichts, was Keith noch tun konnte, als die Tischplatte anzustarren.
»Zuhause müßte jetzt bald der Rübenacker umgegraben werden«, seufzte er. Seltsam - früher hatte ihn die Aussicht auf Arbeit wie diese immer in die Fremde getrieben. Nun zog es ihn nach Hause zurück. Keith hatte Heimweh.
»Juchu-hu! Jemand zu Hause?«
Diese Stimme kannte er nicht. Keith blickte auf und stellte voller Verwunderung fest, daß in der Lobby ein fremder Mann stand, ein großgewachsenes, dunkelhäutiges Exemplar mit Schnurrbart. 
»Wer sind Sie, Sir? Ich kenne sie nicht.« Noch bevor H2SO4 dem Fremden die Möglichkeit zur Antwort gab, fuhr er fort: »Mein Name ist H2SO4, meines Zeichens bin ich der offizielle Verwaltungsandroide dieses Schiffes. Erlauben Sie mir, Ihnen -«
Der Dunkelhäutige stimmte ein Lachen an, daß irgendwie schurkisch und doch sehr sympathisch war. »Hans hat sich offizielle Androiden zugelegt? Das sieht dem alten Schmuggler ähnlich! Wo kann ich ihn finden? Ich habe noch ein Hühnchen mit ihm zu rupfen! Von Rechts wegen ist das mein Schiff.«
Nun tauchte auch Hans Olo auf, wie üblich mit dem Prinzessin im Gefolge. Und von hinten waren die schlurfenden Schritte des alten Iwan zu hören. Nur NO3 war nicht zu entdecken - seit Perkins gedroht hatte, ihn in seine Einzelteile zu zerlegen, wenn er es noch einmal wagen sollte zu fiepen, hielt sich der kleine Androide versteckt. Hans hielt sich nicht mit langen Begrüßungen auf.
»Wie bist du hier reingekommen?« knurrte er.
»Ich werde doch wohl mein eigenes Schiff betreten dürfen! Ich kam gerade vorbei, und als die Freezer sah, dachte ich ‘Nun, Lonso, das ist die Gelegenheit, den alten Hans an die Einlösung seiner Schuld zu erinnern’ … wo ist ‘baccso?«
»Ein Schmuggler also, wie ich es mir dachte!« Hanuta hatte die Hände in die Hüften gestemmt und blickte von einem Mann zum anderen. Ihr Blick sollte wohl grimmige Wut ausdrücken, aber es war nicht zu übersehen, daß sie beim Anblick von soviel versammelter Mannespracht am liebsten gesabbert hätte. Keith mußte ein Würgen unterdrücken. »Und dazu noch ein Spieler, wie es scheint.«
»Was dagegen, Durchlaucht?« Einen Moment sah es aus, als ob er Lonso schlagen wollte, doch dann fielen sich die alten Freunde herzlich in die Arme.
»Nun, nun!« rief der Alte Iwan. »Welch ein Wiedersehen, welch herzliches! Aber nun nehmt Tee!«
Um ihn herum wurde nur noch gefreut und gejubelt. Keith hätte sich am liebsten in irgendeiner Stillen Ecke verkrochen. Aber man mußte immer damit rechnen, diese Orte von Commander Perkins belegt zu finden.


Mit langsamen, wohlbemessenen Bewegungen schritt Lucilla die Reihen ihrer Männer ab. Einen schlecht organisierten Haufen hatte Eliot ihr da zurückgelassen! Wenn sie mit ihnen das Universum erobern wollte, dann mußte sie zunächst einmal auf Apura für Ordnung sorgen. Was das Übelste war: Einige der Männer murrten offensichtlich beim Gedanken, plötzlich eine Frau über sich zu haben.
»Ich möchte eines klarstellen«, sagte sie eisig. »Ich weiß, Sie alle haben Prinzessin Hanuta persönlich erlebt und mußten in dem täglichen Schrecken leben, sie könne plötzlich heiraten und Ihre Königin werden. Aber nur, weil Apura zuvor unter dem Joch eines unfähigen … Görs gelitten hat, heißt das noch lange nicht, daß Sie von ihr auf alle Frauen schließen dürfen. Ich bin nicht Hanuta! Ich bin Lady Lucilla Lode, und ich werde jeden Hinweis darauf vernichten, daß dieses Schloß jemals eine andere Herrin hatte!«
Lucy wußte nicht, wie Eliot es anstellte, wenn er die Loyalität eines Volkes gewann. Aber ihre Methode schien mindestens so gut zu funktionieren. Nur ein paar Tage, allerhöchstens Wochen, und niemand würde mehr wagen, ihr zu widersprechen. Sie würden ihr aus der Hand fressen, ein jeder von ihnen.
Nein … die meisten von ihnen würden gar nicht die Gelegenheit erlangen, auch nur in die Nähe ihrer Hand zu kommen. Sie würde nur die fähigen Leute behalten. Den Rest - und das war die absolute Mehrheit - würde sie so schnell wie möglich abstoßen.
Und sie würde versuchen, die Überreste von R3 zu bergen.


»Nun gut«, sagte Hans. »Halten wir denn Kriegsrat.« Er sprach so leise, daß Ignatz und Eliot ihm quasi von den Lippen lesen mußten. Beratungen waren ein riskantes Unterfangen, und sie mußten sehr vorsichtig sein, daß keiner von den Apurianern etwas von dem ahnte, was hinter ihrem Rücken vorging. »Lucy hat ihre Rolle wunderbar gespielt.« Natürlich. Lucy machte alles wunderbar. Es war ein seltsam leeres Gefühl auf der Freezer, seit sie nicht mehr da war. Diese Lücke konnten auch Ignatz und Eliot nicht füllen. »Wir müssen sie da so schnell wie möglich rausholen!«
»Und wie sollen wir das anstellen?« fragte Ignatz zynisch. »Wen wollen wir diesmal für sie eintauschen? Soll ich hier nächste Woche mit Lucy und Eliot beraten, wie wir dich aus Eberhardts Klauen befreien?« Er lachte leise. 
Eliot warf ihm einen strafenden Blick zu. »Schalte sofort den Commander ab!«
»Das ist nicht der Commander - das sind meine ureigenen Befürchtungen! Ich weiß nur soviel, als daß mich keine zehn Zerberi mehr in die Nähe dieses Schlosses kriegen.«
Hans schüttelte den Kopf. »Es gibt da jemanden, den wir sehr gut entbehren können - Hanuta.« Oh ja, sie konnte er wirklich gut entbehren! Dauernd schlich sie um ihn herum und verschlang ihn mit leidenschaftlichen Blicken, wenn sie glaubte, er bemerke es nicht. Es wäre ihm lieber gewesen, es hätte es tatsächlich nicht bemerkt. Aber er hatte schon eine Idee …
Eliot schien durchaus angetan von der Idee, aber Ignatz sog zischend die Luft durch die Zähne. »Das dürfte schwierig werden! Die Prinzessin hat eigentlich keine Anhänger mehr in der Burg. Alle waren froh, sie los zu sein, und nachdem ich sie jetzt näher kennengelernt habe, kann ich das gut verstehen. Wenn wir Hanuta als Herrscherin einsetzen, kommt es zu einem Aufstand.«
»Aber wir werden dafür bezahlt, Hanuta ihr Volk zurückzugeben!« wandte Hans ein. »Wer soll uns ansonsten unser Geld geben?«
Ignatz schüttelte ärgerlich den Kopf. »Hast du es auch noch nicht begriffen? Es geht hier längst nicht mehr um Geld!«
»Ja, ich weiß«, murmelte Hans bedrückt. »Es geht um Lucy.«
In dem Moment verriet ein leises Geräusch, daß jemand die Tür geöffnet hatte und sie beobachtete. Ignatz, der gerade den Mund geöffnet hatte, um etwas zu antworten, setzte schnell wieder das böse Lächeln auf. Hans spürte den tiefblauen Blick der Prinzessin in seinem Nacken. Der Moment war gekommen. Ein Schauder lief über seinen Rücken.
»Laß dir bloß keine Überraschung anmerken!« wisperte er Eliot zu. »Und sei mir gleich bitte nicht böse! Es geht nicht anders - ich muß es tun.«
Ohne eine weitere Warnung legte er einen Arm um Eliots Schultern, zog ihn zu sich hinüber und versetzte ihm einen langen, gefühlvollen Kuß auf den Mund. Er hörte Hanutas entsetzten Aufschrei, drehte sich aber nicht einmal um, als die Tür zugeschlagen wurde.
»Das«, murmelte er und wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab, »nennt man Schockbehandlung.«
»Gut möglich«, erwiderte Eliot. »Aber sag mir doch mal eines, Schatzi-Putz: Warum sollte ich dir deswegen böse sein?«


Keith brauchte lange, bis er Hanuta wieder ein paar verständliche Worte entlocken konnte. Das wunderschöne Gesicht war vom Weinen naß und gerötet, aber er hatte nicht einmal ein sauberes Taschentuch, das er ihr hätte geben können.
»Das ist nicht fair!« schniefte sie. »Das ist wirklich nicht fair!«
Keith nickte grimmig. »Ja! Ich wollte derjenige sein, der Lode tötet, für das, was er dir und meiner Familie angetan hat. Und jetzt -«
»Aber davon rede ich doch gar nicht!« rief Hanuta. »Er … er …« Sie fing wieder an zu schluchzen.
»Was ist denn los?« fragte Keith so verständnisvoll wie möglich.
Sie starrte ihn an, und plötzlich funkelte wieder diese Wut, die er so lieben gelernt hatte, in ihrem eben noch resignierten Blick. »Er liebt einen anderen!« platzte es aus ihr heraus.
»Wer? Hans?« fragte Keith und knirschte in Gedanken an den Nebenbuhler mit den Zähnen. Dann erst ging es ihm auf. »Einen anderen?« wiederholte er entgeistert.
»Er hat Lonso geküßt!« schrie sie, daß es bestimmt das ganze Schiff hören konnte. »Und sie haben verliebt miteinander geflüstert!«
»Hans ist schwul?« Hanuta starte ihn entgeistert an. Vermutlich konnte sie nicht begreifen, warum Keith nun begann, aus vollem Herzen zu jubeln.


Eliot prüfte sein Aussehen mit seinem kleinen Handspiegel. »Schön und gut«, sagte er. »Aber wenn dir noch einmal nach Schockbehandlung zumute ist, küsse doch bitte Ignatz. Du hast mir mein halbes Make-up abgeleckt. Sei froh, daß sie es nicht gemerkt hat.«
»Master Keith, Sir, wenn ich anmerken dürfte -« begann H2SO4, aber niemand achtete auf ihn. Immer noch leise schluchzend, lag Hanuta in Keith’ Armen, und er hielt sie fest, um sie nie wieder loszulassen. Dies war das wahre Glück. Mochten Onkel Henry und Tante Em für immer verschwunden sein. Mochte über Apura herrschen, wer Lust hatte - er und Hanuta waren endlich vereinigt, und das war alles, was zählte.
»Ich liebe dich«, flüsterte er.
Sie blickte auf, und ein Lächeln trat in ihr Gesicht, als ob sie nicken wolle und antworten: »Ich weiß.« Aber sie hob nur erstaunt ihre Augenbrauen, und alles, was sie sagte, war: »Ach.«
Egal. Das alles zählte nicht. Er hatte sie endlich. Sie waren -
»Mann und Frau!« jubelte der Alte Iwan, der sich das Treiben wer weiß wie lange angesehen hatte. »Mann und Frau!«
»Grundsätzlich würde ich Ihnen Recht geben«, stimmte H2SO4 zu. »Aber ich denke, die Bezeichnung ‘Junge und Mädchen’ spezifiziert das Ganze doch etwas genauer.«
Der Rest ging unter in einem langen, nicht enden wollenden Kuß.

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