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Achtes
Kapitel
For nought is left worth looking at since my delightful land is gone.
Christina Rosetti
Thoria gab es nicht mehr. Vor ihnen erstreckte sich ein düsteres Ödland. Wenige
kahle Büsche und abgestorbene Bäume reckten ihre Arme durch die dichten
Nebelschwaden. Obwohl es bereits Mittag sein mußte, gelang es keinem
Sonnenstrahl, das Land über den Dämmerzustand hinaus zu erhellen. Aber
am Unheimlichsten war die vollkommene Stille. Kein Vogel, kein Tier, kein
Windhauch gab einen Laut von sich. Thoria war tot.
»Irgendwie sehe ich keinen Unterschied zu früher«, sagte Felder. »Thoria war immer
schon öde«. Es sollte wohl munter klingen,
aber er konnte nicht verbergen, daß seine Stimme zitterte, und
seine Hände hatten sich zu so verkrampften Fäusten geballt, daß die Knöchel
weiß wurden. Er lachte schrill und hysterisch.
Lonněl
wußte nicht, was er ihm hätte sagen können, und so legte er ihm nur
seine Hand auf die Schulter. Aber Felder schüttelte sie ab und ging in
die Knie. Es war nicht ganz zu erkennen, was er am Boden tat, aber es sah
so aus, als risse er tote Grashalme aus. Er sagte nichts, und er lachte
auch nicht mehr.
»Die
Dunklen haben nichts übrig gelassen«, sagte Schwinge traurig. »Es sieht
so aus, als hätten sie Thoria gegen ein Stück ihrer Welt eingetauscht.«
»Ihre
eigene Welt ist das Nichts«, sagte Morren mit seiner ruhigen Stimme, die
keinerlei Gefühlsregung verriet. »Thoria ist immer noch mehr als Nichts.
Ich denke, es ist eine Art Zwischenwelt geworden, eine Verbindung zwischen
unserer Welt und dem Dunklen Reich.«
»Wenn
man nicht weiß, was es ist, könnte man es für ein Moor halten«,
meinte Keil. »Und bestimmt wird eines Tages hier wieder neues Leben
wachsen können. Mach dir keine Vorwürfe, Felder. Es war nicht deine
Schuld.«
»Ich
weiß, daß es nicht meine Schuld war!« fauchte Felder. »Aber für was
haltet ihr mich? Glaubt ihr, nur weil ich ein fröhlicher Mensch bin, kann
ich kein Leid empfinden? Mir hat nie viel an Thoria gelegen, und ich
habe es nicht besonders gemocht, aber es war meine Heimat! Wenn ihr in
euren Wald zurückkämet, und er wäre niedergebrannt, würdet ihr dann
ein Jubelfest veranstalten wollen? Der König, der gestorben ist, war
immerhin mein Vater, und ich hatte hier Freunde, und …« Er brach ab und
ließ sich ganz zu Boden sacken.
»Es
erscheint alles so sinnlos«, murmelte Lonněl bedrückt. »Ein
fruchtbares
Land, von einem Volk in Jahrhunderten besiedelt, und nun … nichts mehr,
als hätte es hier nie etwas gegeben. Aber wo sind die Thorianer? Die
Dunklen sagten doch, sie hätten die Leute zurückgeschickt!«
»Sie
haben mich betrogen«, sagte Felder bitter. »Von Anfang bis Ende.« Er
vergrub das Gesicht in den Händen und machte keine Anstalten, wieder
aufzustehen.
»Es
hilft alles nicht«, sagte Morren. »Wir müssen hindurch. Du kannst doch
kaum hierbleiben wollen, Felder? Möchtest du vielleicht vorher noch etwas
trinken?«
Felder
schüttelte den Kopf. »Nein. Dieser Anblick ist kein Grund, um sich ein
bißchen zu betrinken. Er ist vielmehr ein Grund, um sich vollkommen zu betrinken, und das werde ich ganz sicher nicht tun,
solange ich mich noch in Reichweite der Dunklen befinde, abgesehen davon,
daß meine Vorräte nicht ausreichen würden. Wenn wir aus diesem Moor
heraus sind, werde ich eine Pause bei einem Bauern einlegen und mich
eindecken. Solange muß ich es wohl noch aushalten.«
»Ich
wußte nicht, daß du deine Besäufnisse immer so genau planst«, sagte
Morren. Sein spöttischer Tonfall klang herzlos, war aber vielleicht das
Beste, um Felder wieder aufzurichten.
»In
Notsituationen sollte man immer überlegt handeln. Und ich denke, dies ist
eine ausreichende Notsituation. Bis es soweit ist, werde ich versuchen,
Haltung und Fassung zu bewahren. Und ich trommle mein Volk zusammen, damit
wir gemeinsam Thoria aus den … Händen will ich es nicht direkt nennen
… der Dunklen befreien.«
»Ich
wußte nicht, daß du das vorhattest«, sagte Lonněl erstaunt. »Ich
dachte, du hättest Thoria aufgegeben.«
»Du
konntest es auch nicht wissen. Ich habe es gerade erst beschlossen. Frag
nicht, wieso. Vermutlich irgendein letztes Pflichtgefühl meinen Leuten
gegenüber. Ich habe niemals Herrscher werden wollen, aber ich tue, was
ich muß.«
»Also
bist du jetzt soweit?« fragte Schwinge. »Wir können losgehen?«
Felder,
der wohl doch nicht so zuversichtlich war, wie er sich gab, schluckte.
Dann nickte er. »Ich denke schon. Es ist in Ordnung, solange ich nicht
daran denke, daß es Thoria war. Es ist einfach nur ein Moor. Und vor
Mooren habe ich mich noch nie gegraust.«
Doch
es war unmöglich, in diesen ‘Mooren’ seine Zuversicht zu behalten.
Der Nebel verschluckte sie wie ein kalter Mund und legte sich um sie, wie
ein klammer Mantel. Es war, als müßten sie gegen einen Widerstand
anlaufen. Thoria ließ sie nur ungern passieren.
Auch
ihre Gespräche verebbten nach einiger Zeit. Der Nebel erstickte das, was
sie sagten, und Lonněl konnte nie sicher sein, ob er nun Keils Antwort
nicht gehört oder dieser seine Frage gar nicht erst verstanden hatte. Um
Felder war es sowieso still geworden, als sie in den Nebel traten. Zwar
versuchte er, es zu überspielen, aber es gelang ihm nicht besonders gut,
seine Verzweiflung zu verbergen. Lonněl konnte ihn verstehen, Er hatte
auch nicht erwartet, daß das Land so vollständig ausgelöscht war.
Vielleicht hatte Felder nur aus diesem Grund immer den Anschein erweckt,
als mache ihm der Verlust gar nichts aus. Erst angesichts der Ödnis
konnte er begreifen, was passiert war. Felder war jemand, der sich wenig
um Konsequenzen scherte. Wenn ein Leben vorbei war, dann war es vorbei.
Und wenn sein Land verloren ging, dann ging es eben verloren. Bis er es
dann am eigenen Leib erleben durfte.
Sie
hielten einander bei den Händen, um zusammenzubleiben. Lonněl hätte
gerne Schwinge geführt, um sie vor möglichen Gefahren zu beschützen,
aber er war am äußeren Rand der Kette gelandet, und die einzige Person,
die er festhielt, war Felder. Dessen Hand hatte sich so fest um seine
gekrallt, als wolle er ihm sämtliche Knochen brechen. Auf der anderen
Seite wurde Felder von Morren gehalten, und Lonněl hoffte, daß der einen
beruhigenden Einfluß auf den Prinzen ausüben würde. In Anbetracht der
Lage hielt er sich tatsächlich ausgesprochen gut.
Der
Nebel war inzwischen so dicht, daß Lonněl nicht einmal mehr seine
eigenen Hände sehen konnte, und ihm grauste vor dem, was sich hinter den
undurchdringlichen Schleiern verbergen mochte. Vermutlich war es sogar
besser, daß sie es nicht sehen konnten. Aber am schlimmsten war die
Stille. Nach und nach löschte sie alle Geräusche aus. Langsam befiel
Lonněl das Gefühl, vollkommen allein und verlassen zu sein. Die anderen
waren verschwunden. Der Nebel hatte sie verschluckt, so wie er alles Leben
verschluckte. Lonněl hörte nicht einmal mehr die Geräusche, die er
selbst machen mußte - seinen Atem, das leise Rascheln seiner Kleidung,
seine Schritte auf dem unebenen Boden. Der letzte Strohhalm, an dem er
sich festhalten konnte, um nicht völlig den Kontakt zu verlieren, war
Felders Hand, die seine immer noch umklammert hielt. Aber auch sie war
kalt, wie alles ringsumher, und Lonněl hatte fast vergessen, daß sie zu
einem lebenden Menschen gehörte. Immer wieder mußte er sich ins Gedächtnis
rufen, daß seine Freunde noch da waren. Eine solche Einsamkeit überkam
ihn, daß er meinte, sich nicht mehr rühren zu können.
Lonněl
rief nach Felder und den anderen. Aber obwohl er die Worte auf seiner
Zunge spürte, konnte nicht einmal er selbst sie hören. In verzweifelter
Panik griff er fester nach der Hand, um Felder zu sich hinüberzuziehen.
Aber
er war nicht mehr Felders Hand. Es waren Knochen.
Lonněl
schrie, ohne daß ein Laut über seine Lippen kam, und riß sich aus dem
kalten Griff los. Im nächsten Moment war er wirklich allein. Um ihn herum
war nichts als Nebel.
Keil
hörte Lonněl schreien. Es klang, als sei der Mensch auf eine Gefahr
gestoßen, aber danach war nichts mehr von ihm zu hören.
»Lonněl?
Was ist los?« rief Keil, doch er bekam keine Antwort. »Wo bist du, Lonněl?«
Morren
blieb stehen. Der Zauberer ging in der Mitte der Kette, damit sein Licht für
alle zu sehen war. Aber er konnte nicht weit durch den Nebel leuchten. Es
sah so aus, als hielte er eine Kugel aus Licht auf seiner Hand, von der
aber nichts an die Außenwelt drang. Keil fragte sich, ob das Licht
vielleicht nur für Morren und ihn, der an seiner Seite ging, sichtbar
war. Er hielt Schwinges Hand fest, damit auch sie stehenblieb.
»Ich
glaube, wir haben Lonněl verloren«, sagte Morren. »Was ist mit ihm
passiert, Felder?«
»Ich
weiß es nicht«, erklang die Stimme des Menschen undeutlich durch den
Nebel. »Er war immer an meiner Seite, und plötzlich schrie er und riß
sich los. Ich muß gestehen, ich habe nicht sehr darauf geachtet. Ich war
mit meinen Gedanken woanders.«
»Wir
müssen aufeinander aufpassen!« fuhr Morren ihn an. »Jetzt müssen wir
zusehen, wie wir ihn wiederfinden, und das ist im Nebel so gut wie unmöglich.«
»Kannst
du denn nicht in deiner Kugel finden? Du siehst doch sonst alles!« schrie
Felder. »Wozu bist du sonst ein Zauberer? Und warum läßt du nicht den
Nebel einfach verschwinden?«
»Ich
habe es bereits versucht. Aber ich kann nicht.« Die Stimme des Zauberers
klang gereizt. Nun war er schon zum dritten Mal an seine Grenzen gestoßen,
und das mußte schlimmer an ihm nagen als das tote Land. »Und selbst,
wenn ich ihn in meiner Kugel sähe, würde uns der Anblick von Lonněl,
der durch der Nebel tappt, nicht weiterhelfen. Wir wüßten immer noch
nicht, wo er ist.«
»Wie
kannst du das wissen, wenn du es noch nicht einmal probiert hast?« rief
Felder mit schriller Stimme. »Lonněl kann doch nicht einfach
verschwinden und mich hier zurücklassen! Nimm deine Kugel, Morren!«
»Also
gut«, sagte Morren. »Ich will es versuchen. Aber das bedeutet, daß ich
dich loslassen muß, Felder.«
»Das
ist egal! Ich kann auf mich selbst aufpassen. Aber finde Lonněl.«
Morren
seufzte und griff nach seiner Kugel, während seine andere Hand weiterhin
Licht verbreitete. Keil, der seinen Arm nicht loszulassen wagte, sah
beinahe fasziniert zu, wie die Kristall- und die Lichtkugel miteinander zu
verschmolzen. Nun schien das Licht direkt aus der Kugel zu kommen.
»Ich
kann ihn nicht finden«, sagte Morren nach einiger Zeit. »Meine Kugel ist
voller Nebel. Aber ich habe es zumindest versucht, Felder … Felder?«
»Sag
nicht, daß wir ihn auch noch verloren haben!« rief Schwinge ärgerlich
und zugleich erschrocken. »Und wie sollen wir jemals hier herausfinden?
Dieser Nebel ist nicht natürlich!«
»Felder
ist verschwunden«, bestätigte Morren. »Und wenn wir uns loslassen,
verlieren wir uns auch noch. Es sind die Dunklen, vermute ich. Sie wollen
uns trennen. Und ich weiß nicht, was wir dagegen tun können.«
Aber
Keil wußte, daß es noch eine Möglichkeit gab. Er mußte es versuchen.
»Ich
werde Lonněl rufen, und du mußt mir helfen, Schwinge. Ich kann meine Flöte
nicht benutzen, ohne euch loszulassen, und dann wären wir alle verloren.
Aber wir können es mit Singen schaffen, zusammen. Ich weiß, daß du
sonst niemals vor anderen singst. Wirst du es tun?«
»Ich
soll für einen Menschen singen? Das kannst du nicht von mir verlangen!«
rief Schwinge aufgebracht.
»Doch,
das kann ich!« sagte Keil ärgerlich. »Es wird langsam Zeit, daß du
aufhörst, dich derartig aufzuführen! Lonněl ist unser Freund und ein
angenehmerer Reisegenosse als du! Er hat dir schon mehr als einmal
geholfen, und es wird Zeit, daß du einmal etwas für ihn tust. Du mußt
nicht weiter tun, als seinen Namen auszusprechen.«
»Ich
kenne seinen Namen nicht. Ich bin eine Jägerin, kein Barde.«
»Du
hast die Magie, genau wie ich! Das ist es, was uns von den Menschen
unterscheidet! Willst du nun tun, als hättest du auch keine? Wenn ich dir
seinen Namen sage - wirst du es tun?«
»Und
wenn ich es nicht tue?« fragte Schwinge. Keil hätte nicht erwartet, daß
sie derart halsstarrig sein konnte. Sie ging zu weit in ihrem Haß und
ihrer Rachsucht.
»Dann
werde ich es allein versuchen«, sagte er. »Und ich werde dich loslassen,
damit dir das gleiche passiert wie Lonněl und Felder. Aber ich werde dir
nicht helfen, jemals wieder aus Thoria herauszufinden.«
»Du
läßt mir keine Wahl!« flüsterte Schwinge wütend. »Sein Name?«
»Du
kennst seinen Namen«, sagte Keil. »Er heißt Clňn Lonněl Dhub.«
Sie
sangen gemeinsam Lonněls Namen, damit er zu ihnen zurückfinden konnte.
Schwinge benutzte dieses Lied selbst manchmal, um Wild anzulocken. Sie
durfte also nicht so tun, als ob sie es nicht kannte. Nun konnten sie nur
noch hoffen, daß Lonněl es durch den Nebel hindurch hören konnte. Darüber,
wie sie Felder ohne Namen aufspüren sollten, versuchte Keil sich lieber
keine Gedanken zu machen. Erst einmal mußten sie Lonněl wiederfinden.
Aber wenn er seinen Namen hörte, mußte er zu ihnen kommen. Und so sangen
sie immer: Clňn Lonněl Dhub, komm zu uns! Wir sind hier, und wir warten auf dich.
Lonněl
hörte sie. Zunächst leise, dann immer lauter drang sein Rufen durch den
Nebel, mit dem eine Veränderung vorging: Je länger sie sangen und je näher
ihnen Lonněl kam, desto klarer wurde die Sicht. Zwar hing noch immer eine
naßkalte Wolke über Thoria, aber nun war sie nicht mehr
undurchdringlich. Die Umrisse der toten Bäume waren selbst in mehr als
einem Dutzend Schritt Entfernung wieder zu erkennen und ebenso die
dunkle Gestalt Lonněls, der langsam auf sie zu kam. Es schien fast, als würde
der Gesang der Alifwin den Nebel besänftigen oder ihn zurückweichen
lassen.
»Ihr
habt es geschafft!« rief Morren, als Lonněl sicher wieder bei ihnen
angekommen war. »Und jetzt dürfte es auch nicht mehr so schwer sein,
unseren Freund Felder wiederzufinden.«
Keil
wagte nicht, das Singen abzubrechen, aus Angst, der Nebel könne sich
wieder verdichten. Aber Schwinge verstummte, kaum daß Lonněls Umrisse zu
erkennen waren. Ihre Hand war kalt vor Wut, und Keil befürchtete, daß es
lange dauern würde, bis sie ihm verzieh.
Eigentlich
war es ja auch merkwürdig, daß ein unnatürlicher Nebel ausgerechnet auf
den Namen eines Menschen reagieren sollte. Vielleicht war es auch nur ein
Zufall, oder der Gesang selbst - vielleicht hätte jedes andere Lied die
gleich verblüffende Wirkung gezeigt. Trotzdem ließ Keil es lieber nicht
darauf ankommen.
»Ich
bin so froh, euch wiedergefunden zu haben!« sagte Lonněl. »Es war
furchtbar! Ich habe geglaubt, ich wäre ganz alleine, und Felder … wo
ist Felder?«
»Verschwunden«,
sagte Morren kurz. »Aber er wird wieder auftauchen.«
»Jedenfalls
bin ich blind durch den Nebel geirrt«, fuhr Lonněl fort, »und ich
konnte nicht einmal meinen eigenen Atem hören, aber dann … es ist merkwürdig.
Plötzlich war da euer seltsamer Gesang, und ich wußte genau, wohin ich
meine Füße setzen mußte, um zu euch zurückzufinden. Es ist Magie,
nicht wahr? Wie habt ihr das gemacht?«
»Wir
haben dich bei deinem Namen gerufen«, erklärte Schwinge geringschätzig.
»Du konntest nicht anders, als zu kommen.«
»Mein
Name? Aber wie … Wie habt ihr mich genannt?«
»Du
bist Clňn Lonněl Dhub«, sagte Morren. »Und du tust gut daran es, es
niemals zu vergessen. Aber wenn du jemand anderem diesen Namen sagst, kann
er damit Macht über dich ausüben, wenn er weiß, wie. Behalte ihn für
dich.«
»Aber
ihr wißt meinen Namen. Und ihr könnt damit umgehen. Bedeutet das, daß
ich jetzt in eurer Gewalt bin? Habt ihr Macht über mich?«
Keil
hörte auf zu singen. »Wir könnten es«, sagte er. »Aber ich verspreche
dir, daß wir sie niemals gegen dich einsetzen werden. Ich möchte keine
Macht haben über meine Freunde.«
Trotzdem
wich Lonněl zurück. Ihm war anzusehen, daß er Angst bekommen hatte vor
der Macht der Alifwin, und Keil fürchtete, daß Schwinge auf die Idee
kommen könnte, diese Angst auszunutzen, wenn sie nicht tatsächlich
Gebrauch von Lonněls Namen machen würde. Wenn sie wollte, konnte sie den
Menschen jetzt dazu bringen, die Gefährten zu verlassen und ihr nicht
weiter zu folgen. Keil mußte sie im Auge behalten. Was er früher niemals
für möglich gehalten hätte, war passiert. Er war bereit, für einen
Menschen Partei gegen die Alifwin zu ergreifen. Und doch fühlte er sich
nicht als Verräter.
Sie
stolperten mehr über Felder, als daß sie ihn fanden. Er kauerte am
Boden, ein kleines, verlorenes Häuflein Mensch, und im ersten Moment
glaubte Lonněl, so etwas wie das Wimmern eines kleinen Kindes gehört zu
haben. Aber als der Thorianer dann aufstand und Lonněl freundschaftlich
gegen die Schulter boxte, wirkte er ganz ruhig und gefaßt.
»Ich
dachte, ich könnte dich suchen gehen«, erklärte er. »Aber der Nebel
war dichter, als ich gedacht hatte, und da habe ich etwas die Orientierung
verloren. Darum habe ich mich einfach mal darauf verlassen, daß ihr
mich schon irgendwann findet würdet. Ich bin wirklich froh, wenn wir aus
diesem Moor wieder raus sind.«
»Es
ist kein Moor, auch wenn du versuchst, dir das einzureden«, sagte Morren.
»Es ist das Land, das einmal deine Heimat war, und du solltest aufhören,
dich selber zu belügen.«
»Und
was bringt es, wenn ich sage, daß es einmal Thoria war? Wem sollte ich
erklären, daß dies alles meine Schuld wäre? Mein Volk ist verschwunden.
Wenn ich auf Überlebende träfe, dann würde ich dafür sorgen, daß
Thoria befreit wird, auch wenn ich allein in die Unterwelt hinabsteigen müßte.
Aber so, wie es jetzt ist, fällt mir der Aufenthalt hier bedeutend
leichter, wenn ich sage, daß es nicht Thoria ist.
Plötzlich
mußte Lonněl an den Tag denken, an dem er Felder kennengelernt hatte:
Wie er sich Stück für Stück aus seiner Verkleidung geschält und zu
guter Letzt die Augenklappe abgenommen hatte, um das zu zeigen, was er in
Wirklichkeit war. Jetzt erst begriff Lonněl, daß Felder die ganze Zeit
noch eine Maske getragen hatte, die er niemals abnahm. Und selbst wenn er
es täte, käme darunter vermutlich nur wieder eine weitere Maske zum
Vorschein. Aber hier, in den Mooren von Thoria, hatten all diese Schichten
Risse bekommen, und es schimmerte das hindurch, was vielleicht der wahre
Felder war: Ein hilfloser, einsamer kleiner Junge.
»Es
ist nicht länger nötig, dich zu verstellen, Felder«, sagte Lonněl
leise. »Wir wissen jetzt alle, wie du in Wahrheit aussiehst. Du kannst
uns ruhig dein Gesicht zeigen.«
Verächtlich
begann Felder zu lachen. »Wer bist du, daß du glaubst, die Welt dreht
sich nur um dich? Glaubst du vielleicht, ich würde mich euretwegen verstellen? Nein, Morren hat das schon ganz richtig
erkannt. Ich mache das alles nur für mich. Wenn es um euch ginge - ich
weiß, daß es zwecklos wäre zu glauben, daß die Elfen nicht geradewegs
durch mich hindurchschauen könnten. Aber ich kann es nicht, und ich will
es überhaupt nicht. Ich könnte anfangen, mich zu entblättern, eine Hülle
nach der anderen fallenlassen, und darunter wäre gar nichts mehr. Seit
ich beschlossen habe, Felder zu werden, bestehe ich nur noch aus Hüllen.
Und ich möchte nicht wissen, wieviel von mir noch übrig ist, seit wir
bei den Dunklen waren. Deswegen ist es auch hier besonders schlimm, und es
fällt mir ziemlich schwer, meine Täuschung aufrechtzuerhalten, nicht
nur, weil dies meine Heimat war, sondern auch, weil dies jetzt das Gebiet
der Dunklen ist und ich verdammt aufpassen muß, alle meine Sinne
beisammen zu halten. Das bedeutet, daß ich es nicht wagen kann, auch nur
einen Schluck zu trinken. Und das wiederum bedeutet, daß ich früher oder
später anfange zu denken. Hast du das verstanden, Lonněl? Laßt mich
einfach sein, was ich sein will. Ich habe Thoria vor Jahren aufgegeben,
weil ich hier immer nur als Prinz gesehen wurde. Und ich habe nie ein
Prinz sein wollen. Die ganze Zeit höre ich dich reden über unfähige
Herrscher und daß man sie alle töten sollte, und dabei weiß ich
genau, daß ich den unfähigsten Herrscher von allen abgegeben hätte. Und
es gab für mich keine Möglichkeit, dem zu entkommen, außer meinen
eigenen
Tod. Dann stellte sich heraus, daß es noch eine andere Möglichkeit
gab, und daß ich sie ohne es zu wissen genutzt hatte. Kannst du dir
vorstellen, wie froh ich war,
Thoria loszusein? Und jetzt stehe ich hier und sehe, auf was ich mich in
Wirklichkeit eingelassen habe. Laßt uns schnell weitergehen. Es denkt
bereits in mir, und ich möchte hier raus sein, bevor es schlimmer wird.«
Sie
ließen Felder reden, während sie sich langsam durch den Nebel, der immer
noch dicht genug war, vorwärtsarbeiteten. Das, was er jetzt erzählte,
unterschied sich stark von seinem üblichen Gerede. Langsam baute sich vor
Lonněl das Bild eines kleinen Jungen in einer großen Burg auf. Seine
Mutter war schon lange tot, und sein Vater »kümmerte sich einen Dreck«
um ihn, wie Felder es ausdrückte. Aber da waren Bedienstete, die für ihn
sorgten, und der Junge war schlau und merkte schnell, daß sie alles
taten, was er wollte. Er genoß diese Macht eine Zeitlang, aber dann wurde
sie ihm langweilig, und er merkte, daß er im Grunde seines Herzens einsam
war.
»Das
ist nicht wahr«, sagte Felder. »Ich bin niemals einsam gewesen. Ich
hatte Unmengen an Freunden, die besten, die man sich kaufen konnte, und
ich hatte eine Menge Spaß mit ihnen. Ich habe im Leben immer nur ein
einziges wirkliches Problem gehabt.«
»Daß
du ein Prinz warst?« fragte Lonněl. »Daß man Dinge von dir erwartete,
von denen du wußtest, daß du sie nicht konntest?«
»Nein«,
antwortete Felder. »Das war das weitaus kleinere Übel, oder es
resultierte
aus dem ersten. Mein Problem ist, daß ich, wann immer ich lange an einer
Stelle bin und mir die Abwechslung und Gefahr fehlt - oder ich vollkommen
nüchtern bin, so wie jetzt - anfange, mir Gedanken zu machen über die
wirklich ernsten Dinge. Du glaubst vielleicht, du bist unglücklich, weil
du verliebt bist, Lonněl, aber ob du sie nun bekommst oder nicht ist
gleichgültig in Anbetracht einer Tatsache: Egal, was du machst, egal,
wie du lebst, eines Tages stirbst du. Und dann ist es egal, wie lang dein
Leben gedauert hat. Dann bist du einfach nur tot. Die Zeit ist das größte
Problem, das man haben kann, glaub mir. Verglichen mit ihr gibt es nichts,
was stärkere Macht hätte. Seit ich klein bin, habe ich immer gegen die
Zeit angekämpft. Ich muß sich überlisten, ich muß schneller sein als
sie, damit ich, wenn sie mich einmal einholt, fertig bin und sagen kann:
Ich hatte mein Leben. Ich habe es geschafft, in die Jahre, die ich bis
jetzt hatte, mehr hineinzuquetschen, als mancher nicht in hundert Jahren
schafft. Ihr Elfen seid weit über hundert, nehme ich an?«
»Ich
bin ungefähr hundertundachtzig Jahre alt«, sagte Keil. »Und ich bin
noch ziemlich jung, nach unserer Vorstellung.«
»Siehst
du? Mein Vater, der jetzt gestorben ist, war achtundfünfzig. Und für uns
ist das ziemlich alt. Wollt ihr mal wissen, wie alt ich bin? Fünfundzwanzig.
Ich wette, in dem Alter seid ihr noch Wickelkinder. Da seht ihr, was ich
meine. ich habe das Beste daraus gemacht. Aber es gibt Momente wie jetzt,
da kommt die Zeit und macht mir vor, sie sei noch lange nicht überwunden.
Und das ist mein Problem. Genügt euch das? Habe ich eurer Ansicht nach
genug von meiner Selbsttäuschung aufgegeben? Gefällt es euch besser,
mich depressiv am Boden zu sehen? Oder gefiel ich euch doch besser, als
ich meine muntere Maske aufhatte und glücklich war?«
»Probleme
verschwinden nicht einfach davon, daß man sie ignoriert«, sagte Keil
ernst. Felders Bericht schien ihn bedrückt zu haben, vermutlich, weil
sich für ihn als langlebigen Elfen dieses Problem nie gestellt hatte.
Lonněl hatte sich allerdings auch nie große Gedanken darüber gemacht.
»Sie
verschwinden vielleicht nicht wirklich. Aber zumindest machen sie einem
dann Ersteinmahl keine weiteren Probleme mehr. Und wenn ihr gestattet …
Darf ich bitte meine Maske wieder aufsetzen?«
Lonněl
hatte immer das Gefühl gehabt, daß ihm Felder in seinem Wesen mindestens
so fremd war wie Schwinge oder Morren, obwohl er sich eigentlich gut in
andere Menschen einfühlen konnte. Aber langsam begann er, ihn zu
verstehen.
»Du
kennst dich selbst besser, als ich dachte«, sagte Morren. Dann fügte er
für Keil und Schwinge etwas in der Elfensprache hinzu, was Lonněl nicht
verstehen konnte. Er nickte dabei.
Thoria
würde ihr Grab sein. Während es schon tagsüber immer dämmrig war,
verschwand bei Nacht jeder noch sie kleine Funken Lichts, und weder der
Mond noch die Sterne durchdrangen den Nebel, der bei Nacht wieder stärker
und zäher wurde. Ohne Morrens Gabe, in seiner Hand Licht zu machen, hätten
die Elfen wahrscheinlich nicht einmal den ersten Abend überstanden. Die
Gefährten schliefen nur wenig, denn im Schlaf gelang es der Düsternis
wieder, Einzug in ihre Gedanken
zu nehmen und ihre Träume zu vergiften. Auch mit ihren Vorräten mußten
sie sparsam umgehen, denn es gab in Thoria nichts, was sie hätten essen können.
Aber irgendwie verspürte ohnehin keiner von ihnen großen Hunger oder
Durst.
Felders
Stimmung sank mehr und mehr. Im Laufe des zweiten Tages stellte er das
Reden gänzlich ein und ging dazu über, dumpf vor sich hinzubrüten. Er
war auch nicht mehr ansprechbar. Die Gedanken, die ihn quälten, wurden
immer erdrückender, und er hatte keine Ahnung, was er gegen sie
unternehmen sollte. Es gab nichts, das ihn hätte ablenken können. Jeder
Winkel Thorias sah gleich aus, der einzige Unterschied lag darin, daß der
Nebel mal stärker und mal schwächer war, und Felder hatte das Gefühl,
auf der Stelle zu treten. Die Zeit stand still, und sie waren in einem
einzigen, sich ständig wiederholenden Tag gefangen. Jeden Schritt hatte
er schon einmal gemacht. Es würde ihnen niemals gelingen, den Mooren zu
entkommen. Die Dunklen hatten ihn also doch noch erwischt.
Aber
immerhin konnte er jetzt endlich Morren und den anderen beweisen, daß
sie tatsächlich immer maßlos wegen seiner Trinkerei übertrieben
hatten. Wäre er wirklich ein Säufer gewesen, dann hätte er nicht diese
langen Tage in den Mooren durchstehen können, ohne etwas zu trinken. So
aber hielt ihn das Wissen um die körperlosen Klauen der Dunklen zurück,
und er tröstete sich mit dem Gedanken daran, daß er sich hinterher so
sehr betrinken würde, wie er es in seinem Leben noch nie getan hatte.
Ein zugegeben schwacher Trost, aber immerhin.
Am
dritten Tag stand Felder kurz davor, sich selbst aufzugeben. Er war erschöpft,
und zu jedem weiteren Schritt mußte er sich zwingen. Eigentlich wollte er
sich nur noch hinsetzen und ausruhen, gar nicht wieder aufstehen … Aber
er ging weiter, mit einer Verbissenheit, wie er sie noch nie gespürt
hatte. Um ihn herum stand die Zeit still, aber er konnte spüren, wie sie
für ihn weiterlief, ihn mit jedem Schritt älter machte. Von den anderen
konnte er keine Hilfe erwarten. Dies war die Strafe. Er war immer
schneller gewesen als die Zeit, und jetzt hatte sie ihn gefangen und
sorgte dafür, daß er nun das an Alter wieder aufholte, was er sich an
Leben ermogelt hatte. Er war ein Teil Thorias, der letzte lebende Teil,
und bald würde er genauso aussehen wie der Rest des Landes. Er war
verloren. Die Dunklen hatten sein Leben so gut wie in der Tasche.
Plötzlich
griff eine Hand aus dem Nebel nach seinem Knöchel und ließ ihn
straucheln. Felder schrie auf und schalt sich im nächsten Moment für
seine Schreckhaftigkeit. Vermutlich war er nur an einer Wurzel hängengeblieben.
Aber warum ließ sie dann seinen Fuß nicht mehr los, und warum krallten
sich Finger in sein Gelenk? Felder schrie noch einmal, um die anderen zu
warnen, schüttelte seinen Fuß und schlug danach, um wieder freizukommen.
Es war wirklich eine Hand, und sie gehörte zu einem Arm. Aber es war
keine kalte Klaue eines Ungeheuers. Sie gehörte zu einem Menschen.
»Gib
mir Licht, Morren!« rief er. »Hier ist jemand!«
Wer
immer es war, er lag am Boden und hielt sich nach wie vor an Felders Fuß
fest. Felder ging in die Hocke, um das Gesicht sehen zu können und dem
Menschen aufzuhelfen. Eine zweite Hand griff nach seiner, und er zog den
anderen hoch.
Oberhalb
des Bodens war der Nebel weniger stark, und dank Morrens Licht konnten sie
nun genau sehen, mit wem sie es zu tun hatten. Es war eine alte Frau, und
sie trug die Tracht einer Thorianerin. Felder hätte fast vor Freude
aufgeschrien. Er hatte sein Volk gefunden. Jetzt konnte alles wieder gut
werden.
Lonněl
hielt die Alte in seinem Arm und stützte sie. »Wie geht es dir, Großmutter?«
Die
Frau starrte ihn an und versuchte etwas zu sagen, aber sie brachte nur ein
paar krächzende, halberstickte Geräusche hervor.
Wahrscheinlich
war sie seit Tagen ohne Nahrung und Wasser durch die Moore geirrt. Felders
Hand zuckte instinktiv zu seiner Feldflasche, als ihm einfiel, daß sie
das vermutlich umgebracht hätte. Und Keil hatte auch schon den Wassersack
geöffnet.
Beim
Anblick des Elfen stieß die Frau einen gurgelnden Schrei aus und wich zurück,
und wenn Lonněl sie jetzt nicht gehalten hätte, wäre sie sicher gestürzt.
Felder wunderte sich nicht weiter. Vermutlich hatte die gute Frau noch nie
einen Elfen gesehen. Er hatte auch noch nie davon gehört, daß in den
letzten Jahren noch welche nach Thoria gedrungen wären. Und außerdem
hatte die Alte hier in den Mooren sicher schon einiges durchgemacht. Als
Felder Keil das Wasser aus der Hand nahm und es der Frau reichte, nahm sie
es zögerlich an. Vermutlich überwog ihr Durst doch ihre Furcht vor den
Elfen. Irgendwie war es Felders Aufgabe, dafür zu sorgen, daß sie überlebte.
Sie war nicht unbedingt das, was er sich als Volk vorgestellt hatte, und
sie war auf ihre Art sogar noch schlechter als nichts, aber Pflicht war
Pflicht. Wenn man ihm früher gesagt hätte, daß eines Tages von der
ganzen thorianischen Bevölkerung nur noch er und eine Frau übrig sein würden,
dann hätte er sich vielleicht sogar gefreut, aber er hätte sich ganz
sicher eine andere Frau vorgestellt.
Kaum
hatte die Alte gierig einige Schlucke getrunken, als sie wieder anfing zu
schreien, diesmal schon kraftvoller, und versuchte, sich Lonněls Griff zu
entwinden. Jetzt war es wohl Zeit, daß Felder etwas sagte und sich zu
erkennen gab.
»Sei
still!« sagte er laut. Es war vielleicht nicht der beste Anfang, aber ein
König mußte schließlich auf eine gewisse Weise seine Dominanz
klarmachen. Außerdem mußte man hysterische Leute anschreien, damit sie
wieder zu sich kamen. »Dir wird kein Unheil zugefügt werden, wenn du
bereit bist, mit uns zusammenzuarbeiten. Du tätest gut daran, uns etwas
Respekt zu zollen, denn ich bin Dhelin von Thoria, dein König und
Herrscher!« Es war das allererste Mal, daß er sich unter diesem Namen
vorstellte, und es klang nicht nur ungewohnt, sondern auch unüberzeugend,
so als wäre er wirklich nur Felder, ein Hochstapler, der sich als König
ausgab. Vermutlich deshalb schien die Alte ihm nicht zu glauben.
»Hilfe!«
schrie sie mit krächzender Stimme. »Räuber! Mörder! Hilfe!«
»Aber
ich bin Dhelin von Thoria!«
sagte Felder, der es fast selbst nicht mehr glaubte. »Erkennst du nicht
deinen eigenen König, Weib?«
Jetzt
erst sah sie ihn an. Ihre Augen waren hellblau und unheimlich, und unter
ihrem Blick fühlte sich Felder mindestens so unwohl, wie wenn der
Zauberer ihn anstarrte. Auch sie blickte geradewegs in ihn hinein. Dann
verzog sich ihr Gesicht zu einer abscheulichen Fratze.
»Ich
erkenne dich!« flüsterte sie heiser. »Der Prinz mit dem Schlangenauge!
Schande deines Vaters und Schänder der Jungfrauen. Was hast du mit meinen
Söhnen gemacht?« Plötzlich fing sie an zu kreischen, riß sich von Lonněl
los und stürzte auf Felder zu. Ehe er sich versah, hatten sich ihre
krallenähnlichen Finger in seine Schultern gebohrt. Felder war überrumpelt
und wußte nicht, was er tun sollte. Schließlich konnte er schlecht eine
alte Frau zu Boden schlagen, auch wenn sie übergeschnappt war.
»Was
hast du mit meinen Söhnen gemacht? Wo ist mein Sohn Dharkas, der mich
schützte und pflegte auf meine alten Tage? Wo ist mein Sohn Borlik, der
stärker war als alle anderen Bauern? Und wo ist mein Sohn Starnkin,
dessen junge Frau ihr erstes Kind erwartete? Was hast du mit ihnen
gemacht?«
»Ich
verstehe nicht, was du meinst!« sagte Felder und versuchte, aus ihrem
Griff freizukommen. »Du redest irre, Weib!«
»Oh
nein! Die alte Oana weiß, wovon sie redet! In den Wäldern war ich, um Kräuter
und Pilze zu suchen, auf einer langen Wanderung. Als ich zurückkam, waren
meine Söhne verschwunden, und mein Häuschen, und alles, was es hier
jemals gegeben hat! Ich weiß, was du getan hast! Du falscher Prinz, du
hast Thoria an die Elfen verkauft! Du hast dein Volk verraten! Du hast
meine Söhne verraten!«
»Das
habe ich nicht!« schrie Felder. Sie raubte ihm die Luft, weil sich jetzt
seine Tunika in seinen Hals einschnitt. »Laß mich los, du alte Hexe!
Morren, mach daß sie damit aufhört!«
»Gib
mir meine Söhne zurück!« schrie die alte Oana, taub und blind vor
Raserei. Keiner machte Ansätze, Felder irgendwie zu helfen, auch Morren
nicht. Jetzt reichte es. Er hatte ihr die Gelegenheit gegeben, ungeschoren
davonzukommen. Aber er konnte nicht zulassen, daß sie ihn erwürgte. Er
hatte noch nie zuvor eine Frau geschlagen, und da legte er auch Wert
drauf. Doch jetzt war er derartig in Wut geraten, daß er sich nicht nur
aus dem Griff der Alten losriß, sondern sie regelrecht von sich weg
schleuderte. Es ging ziemlich schnell. Sie fiel wie ein Bündel Lumpen auf
die Erde, wo sie schluchzend liegenblieb. Immerhin lebte sie noch, und
Felder wollte sich gerade entschuldigen, als Morren ihn schlug.
Morren
hatte ihn schon öfters geohrfeigt wie ein unartiges Kind. Es hatte nie
besonders weh getan. Aber dieser Schlag war anders. Er kam so schnell, daß
Felder die Hand des Zauberers gar nicht kommen sah, und dann zerbarst das
Licht in seinem Kopf. Er konnte nichts mehr sehen, nichts mehr denken, und
er bekam nur noch halb mit, wie er zu Boden stürzte.
Er
wußte nicht, wie lange er so gelegen hatte, als er sich mühsam
aufrappelte. Alles war hell, und er schloß geblendet die Augen, aber
das half nicht. Das Licht kam von innen. Sein ganzer Kopf war damit angefüllt,
so daß nichts anderes darin mehr Platz hatte. In seinen Ohren dröhnte
es. Was war mit ihm geschehen? Wo war er? Dies waren nicht mehr die Moore
von Thoria. Oder doch? Wenn er nur in der Lage gewesen wäre, einen klaren
Gedanken zu fassen! Und wo kam all dieses Licht her? Langsam dämmerte
Felder, was passiert war. Morren hatte ihn ins Gesicht geschlagen, was
nicht weiter schlimm gewesen wäre, wenn er es nicht mit seiner Lichthand
getan hätte. So aber hatte er Felder mit einer Handvoll konzentrierter
Energie zu Boden geschlagen. Aber was sollte er jetzt tun? Wie sollte er
dieses Licht wieder aus seinem Kopf hinausbekommen? Die nächste Frage,
die Felder durch den Kopf ging, war die wohl schrecklichste, die er sich
jemals gestellt hatte: Wieso ging er eigentlich davon aus, daß er überhaupt
noch am Leben war? Er konnte genausogut tot sein.
Langsam
begann sich in all dem Licht ein dunkler Umriß abzuzeichnen, ein
schwarzer Schatten. Es dauerte einen Moment, bis sich Felders Augen
daran gewöhnt hatten, gleichzeitig in hellstes Licht und schwärzestes
Schwarz zu sehen, dann konnte er es deutlich erkennen. Er stand vor einem
Thron. Um ihn herum war nichts als dieses Licht, und mittendrin stand ein
Thron aus Dunkelheit. Sonst gab es nichts.
Fast
nichts.
Möchtest du dich nicht setzen?
fragte eine Stimme in seinem Kopf. Es
ist dein Thron. Du wolltest ihn zuletzt nicht haben, und jetzt steht er
verwaist hier herum und wartet auf dich. Du hast es dir nicht vielleicht
mittlerweile anders überlegt?
»Nein!«
sagte Felder, oder zumindest dachte er, daß er es laut sagte. »Vergeßt
es. Ihr bekommt mich nicht. Ich habe diesen Thron niemals haben wollen.
Jetzt will ich ihn erst recht nicht mehr.«
Wir könnten dir ein gutes Angebot machen.
»Ihr denkt, daß ich euch auch nur noch einmal glaube? Ihr habt mich schon
genug betrogen. Ihr habt gesagt, ihr hättet meinem Volk die Freiheit zurückgegeben!
Ihr habt gelogen. Ihr habt alle Thorianer verschleppt bis auf eine alte
Frau.«
Du irrst dich, Dhelin. Wir haben alle Thorianer in
eure Welt zurück geschickt, wie wir versprochen hatten. Aber du wirst
verstehen, daß wir sie nicht in diese Ödnis setzen konnten. Dort hätten
sie sich nicht wohlgefühlt. Aber natürlich konnten wir auch nicht alle
in einer anderen Gegend absetzen. Das hätte dort für Überbevölkerung
gesorgt. Man muß immer auch die Belange der Anderen bedenken.
»Was
habt ihr mit ihnen gemacht?«>
Wir haben sie über die Welt verteilt, so daß sie
niemandem direkt zur Last fallen werden. Und wir versprechen dir,
daß wir niemals wieder auch nur einen von ihnen in unser Reich
holen werden. Sie sind auf alle Ewigkeit vor uns sicher. Bist du jetzt
beruhigt, Dhelin? In seinem Kopf lachte es.
»Nennt
mich nicht Dhelin!« schrie Felder, der jetzt merkte, worauf die Dunklen
aus waren. »Ich bin Felder!« Wenn er auf den anderen Namen gehört hätte,
den Namen der Könige von Thoria, dann hätte er jetzt auf den Thron
steigen müssen. Und dann hätte er den Dunklen gehört. Er wußte jetzt,
daß er den Namen Dhelin nie wieder aussprechen durfte. Wenn er es noch
einmal tat, war er verloren. »Ich bin Felder!« schrie er noch einmal.
Die
Stimme verschwand. Der Thron verschwand. Es gab nur noch Licht.
»Was
hast du getan?« rief Keil erschrocken. Es war alles so schnell gegangen -
die alte Frau, die zu Boden stürzte, Felder, der verwundert auf seine Hände
starrte, Lonněl, der das Schwert aus der Scheide riß und auf Felder
lossprang, und Morren, der im selben Moment Felder mit einem Lichtblitz
niederschlug. Jetzt lag Felder am Boden und rührte sich nicht.
»Ich
hatte schon lange keinem von euch beiden mehr das Leben gerettet«,
sagte Morren ruhig. »Wenn du ihn durchbohrt hättest, Lonněl, hätte es
dir hinterher leid getan.«
»Aber
er hat die alte Frau geschlagen!«
»Das
ist kein Grund, ihn dafür umzubringen!« fuhr ihn Morren ärgerlich an.
»Warum könnt ihr Menschen nicht einmal vernünftig nachdenken, bevor ihr
euch die Köpfe einschlagt?«
Lonněl
antwortete nicht, sondern kniete sich wieder zu der Thorianerin, um sich
um sie zu kümmern. Sie lag zusammengekrümmt im toten Gras und
schluchzte. Felder kauerte nur einen Schritt neben ihr. Er hatte die Augen
zusammengekniffen und rappelte sich schon langsam auf, aber Keil hatte
nicht den Eindruck, daß der Mensch wahrnahm, was um ihn herum geschah. Er
reagierte nicht, als Keil ihn vorsichtig an der Schulter schüttelte,
sondern bedeckte nur seine Augen mit einer Hand. Dabei bewegte er die
Lippen, wie in einer stummen Konversation. Schwinge stand dabei und sah
ungerührt zu, wie Felder tastend um sich griff, als wäre da gar kein
Keil, der ihn am Arm hielt.
»Was
hast du mit ihm getan, Morren?« fragte sie.
»Ich
habe ihn lediglich zu Boden geschlagen«, sagte Morren. »Vielleicht hätte
ich die andere Hand nehmen sollen. Aber es ist doch irgendwie
faszinierend, wie sich Licht als Nahkampfwaffe einsetzen läßt, nicht
wahr? Es hat annähernd den selben Erfolg erzielt, als wenn ich einen
Blitz geschleudert hätte, nur daß die Streuung geringer ist. So ein
gezielter Schlag kann natürlich viel präziser eingesetzt werden.«
»Aber
du hättest Felder töten können!« rief Keil. »Und was wird jetzt mit
ihm?«
Im
gleichen Moment schrie Felder auf, und jetzt konnten sie auch seine Worte
hören. »Nennt mich nicht Dhelin! Ich bin Felder!«
»Aber
das ist doch kein Problem«, sagte Morren und lachte leise. »Ich habe ihm
eine Handvoll Licht in den Schädel getrieben. Das setzt ihn vielleicht
außer Gefecht, aber es tötet ihn nicht. Und jetzt«, er bückte sich und
macht mit seiner freien Hand eine Greifbewegung, bei der nicht ganz klar
war, ob er nur vor oder in
Felders
Gesicht griff, »muß ich es mir nur wiedernehmen.« Er zog die Hand zurück
und hielt in ihr eine zweite Lichtkugel. Dann formte er aus beiden Händen
eine Art Schale und ließ die Lichtkugeln zusammenfließen, was im Nebel
einfach nur wunderschön aussah. »Man kann eine Menge Spaß mit Licht
haben, auch wenn einige andere Zauberer, unter ihnen mein geschätzter
Bruder, für derartige Spielereien wenig übrig haben.« Immer noch
lachend, ließ er das Licht von einer Hand in die andere gleiten oder
schnippte es wie einen Ball in die Luft, wo es regungslos hängenblieb,
bis Morren es wieder aufnahm.
»Und
was ist jetzt mit Felder?« fragte Schwinge, die wie ebenfalls wenig Vergnügen
an der Vorstellung fand.
»Felder?
Der ist wieder in Ordnung«, sagte Morren.
»Nein,
das ist er nicht«, sagte Felder langsam. Sein Gesicht hatte jede Farbe
verloren und wirkte so gräulich-weiß wie der Nebel selbst. »Ich weiß
nicht, ob ihr mich als euer Spielzeug betrachtet, an dem ihr neue Kunststücke
ausprobieren könnt, aber diesmal seid ihr einen Schritt zu weit gegangen.
Ich habe dieser Oana nichts tun wollen. Ich wollte nur, daß sie aufhört,
mich zu würgen. Vielleicht hatte ich nicht erwartet, daß sie so wenig
wiegen würde. Es war bestimmt falsch von mir, sie so zu schubsen. Aber
das ist noch lange kein Grund, mir meinen Kopf derart mit Licht
vollzupumpen. Drei Tage bin ich jetzt durch dieses Moor geirrt, und ihr könnt
mir glauben, es waren die schrecklichsten und längsten Tage meines
Lebens. Die ganze Zeit mußte ich mir sagen ‘Was immer du tust, sieh zu,
daß du einen klaren Kopf behältst’, weil ich wußte, daß sonst die
Dunklen wieder versuchen würden, mich zu bekommen und vielleicht Erfolg
haben würden. Und ich habe auch einen klaren Kopf behalten. Ich habe kaum
geschlafen und nichts getrunken, um meine Gedanken beisammen zu halten,
und ich hatte die klarsten Gedanken seit Jahren, und einer war
unangenehmer als der andere, und ich habe alles durchgestanden - nur damit
man mir im entscheidenden Moment eine Ladung Licht um die Ohren schlägt
und all meine klaren Gedanken vollkommen außer Kraft setzt. Durfte dann
feststellen, daß meine Befürchtungen richtig waren: Die Dunklen kommen
tatsächlich, wenn man seine Gedanken nicht klar beisammenhält. Sie hätten
mich gerade um ein aar bekommeHaar bekommen, zu eurer Information, und
auch wenn ich jetzt gelernt habe, wie ich mit ihnen umgehen muß, hätte
ich doch auf diese Erfahrung gerne verzichtet. Und jetzt entschuldigt
mich.«
Er
setzte sich auf den Boden, löste die Flasche von seinem Gürtel und
begann zu trinken.
»Was
wird das, wenn es fertig ist?« fragte Morren. »Wolltest du dir das nicht
für hinterher aufsparen? Hast du uns nicht gerade einen Vortrag über
klare Köpfe gehalten?«
»Zu
Frage eins: Ich trinke. Zu Frage zwei: nein. Dieser Rest hier reicht
gerade mal aus, mich in das angenehme Stadium am äußersten Rand der Nüchternheit
zu versetzen. Und da gedenke ich die nächste Zeit zu bleiben. Denn, um
auf Frage drei zurückzukommen: Wenn du mir richtig zugehört hättest, wüßtest
du, daß ich jetzt nichts mehr von den Dunklen befürchten muß und wie
sehr ich es hasse, klar zu denken. Ich bevorzuge es, wenn alles so ein
ganz bißchen unscharf ist. Und, um der nächsten Frage vorzugreifen: Mir
ist wirklich nicht mehr zu helfen.«
Schwinge
wußte nicht, wie sie sich verhalten sollte. Es war nicht nur die
grauenvolle Atmosphäre dieser Unwelt, die ihr zu schaffen machte,
sondern vor allem der Anblick dieser Menschenfrau. Wenn Felder bis jetzt
davon gesprochen hatte, daß Menschen alt wurden, hatte sie sich immer
etwas anderes darunter vorgestellt. Sie hatte nicht damit gerechnet, daß
sie dann derart … zerfielen. Dieses Gesicht würde sie nie wieder
vergessen können - der zahnlose Mund und jede einzelne Falte hatten sich
tief in ihr Gedächtnis eingegraben. Aber was Schwinge so sehr
verwunderte, war, daß sie nicht nur Abscheu empfand angesichts dieser
Kreatur, sondern auch Mitleid. Ihre Hand hatte das Messer schon halb
gezogen. Wäre diese Frau ein Tier in ihrem Wald gewesen, so hätte sie es
jetzt von seinem Dasein erlöst.
»Denke
nicht einmal daran!« raunte ihr Keil zu. Entweder hatte er ihre Bewegung
bemerkt, oder ihm waren die selben Gedanken gekommen. »Du kannst sie
nicht einfach so töten. Sie wird von selbst sterben, wenn sie hierbleibt.«
»Und
das wäre besser?« entgegnete Schwinge. Es war erstaunlich: Diese Frau
war ein Mensch, aber Schwinge wollte nicht, daß sie litt. Der Tod der
Alten hätte für alle eine Erleichterung bedeutet, aber Schwinge würde
ihr nichts tun. Ihr ekelte bei dem Gedanken, dieses verfallende Stück
Fleisch anzurühren. Dies war es also, was Felder so sehr fürchtete. Sie
konnte es ihm nicht verdenken. Es war so armselig. Wenn es das war, was
die Zeit - und recht kurze Zeit nur - aus den Menschen machte, dann würden
sie die Welt nicht lange beherrschen können.
Lonněl
kümmerte sich um die Alte am Boden und versuchte wohl, sie zum Aufstehen
zu bewegen, aber vergeblich. »Großmutter Oana, du mußt mit uns kommen!
Hier kannst du nicht bleiben!«
»Hier
ist der einzige Ort, an dem ich bleiben kann! Thoria ist die einzige
Heimat, die ich jemals hatte, und der einzige Ort, an dem ich sterben
will. Ihr - verschwindet von hier! Verräter meiner Söhne! Laßt euch nie
wieder hier blicken! Laßt mich allein!«
Schwinge
wollte endlich weitergehen. Sie konnte nicht länger an dieser Ort
bleiben, der alles Leben aus ihr sog, und Keil auch nicht. Es war ein
Fehler gewesen, Thoria jemals zu betreten. Sie hätten es umgehen müssen,
auch wenn es einen lange Umweg bedeutete.
»Laßt
uns endlich aufbrechen!« sagte auch Felder. »Ich finde, wir haben
schon bei weitem zu lange gerastet!«
»Aber
sie will nicht mitkommen!« wandte Lonněl ein.
»Das
ist hervorragend. Ich will nämlich auch nicht, daß sie mitkommt. Sie
soll sich nicht so anstellen. Ihren Söhnen geht es gut - haben mir die
Dunklen zugesichert. Früher oder später werden sie schon hier auftauchen
und die alte Vettel mitnehmen. Bis dahin kann sie von mir aus krepieren.«
Ohne
weitere Reaktionen abzuwarten, raffte Felder seinen Beutel zusammen und
marschierte los, in den Nebel hinein. Schwinge hätte nie gedacht, daß
sie sich eines Tages einem Menschen anschließen würde, aber sie folgte
ihm. Doch sah sie ihn nicht an, und sie sagte nichts. Als sie hinter sich
Schritte vernahm, drehte sie sich um. Keil und Morren waren ihr ebenfalls
gefolgt, und hinter ihnen konnte sie die breiten Konturen von Lonněl
ausmachen. Er war allein. Die alte Frau hatte er zurückgelassen.
»Wie
schön, daß wir endlich einmal alle einer Meinung sind!« rief Felder fröhlich.
»Ihr stimmt mir doch zu: Bloß weg hier!«
»Du
hast deinen Plan, Thoria zu befreien, bemerkenswert schnell wieder
aufgegeben«, meinte Morren, und es klang nicht im Geringsten überrascht.
»Solltest du nicht bei der Frau bleiben und sich um sie kümmern, wie es
als König deine Pflicht wäre?«
»Damit
sie mich wieder würgt? Ich bin hier kein König. Thoria hätte mir nicht
deutlicher zeigen können, daß es nicht an meiner Hilfe interessiert ist.
Thoria will mich nicht, ich will Thoria nicht, fertig. Das ist es. Mit
Thoria bin ich fertig.«
Mehr
sagt er nicht dazu. Noch an diesem Nachmittag durchbrachen sie endgültig
den Nebel. Sie hatten es geschafft. Die Moore von Thoria lagen hinter
ihnen.
An
diesem Nachmittag kam es zwischen Lonněl und Felder zum Streit. Hinterher
konnte Lonněl nicht einmal genau sagen, warum er damit angefangen
hatte, denn diesmal war es ganz allein seine Schuld, daß sie
aneinandergerieten. Vielleicht lag es daran, daß er die alte Frau nicht
vergessen konnte, die sie ihrem Schicksal überlassen hatten. Er mußte
immerzu daran denken, daß Felder all dieses Leid verursacht hatte. Felder
dagegen schien keinen weiteren Gedanken daran zu verschwenden. Nachdem sie
einmal aus den Mooren heraus waren, verlor er kein Wort mehr darüber. Er
war wieder ganz der Alte, redete munter und ausdauernd auf Morren ein und
versuchte, Keil die Melodie eines Wanderliedes beizubringen.
Offensichtlich war er glänzender Laune, und Lonněl bezweifelte, daß
dies nur ein weiterer Teil von Felders Selbstverleugnung war. Mit jedem
Moment, den er Felder ertragen mußte, wuchs Lonněls Wut. Und als Felder
schließlich wieder nach seiner Flasche griff, um, wie er es nannte, »den
Zustand stabil zu halten«, riß Lonněl die Geduld.
»Du
trinkst soviel, daß mir schon allein vom Zusehen übel wird!« schrie er
Felder an, der vor Überraschung einen Schritt rückwärts machte. Aber es
war schwer, den Burschen aus der Fassung zu bringen. Er trank erst in
aller Ruhe weiter, bevor er antwortete.
»Du
bist so edel, daß ich dich nüchtern nicht ertragen kann.« Ein einziger
Satz, aber er genügte, um Lonněl die Sprache zu verschlagen. Was sollte
er auch darauf antworten? Felder fuhr fort: »Warum bin ich hier der
einzige, dem immer wieder seine mangelnde Selbsterkenntnis vorgehalten
wird? Immer bekomme ich einen auf den Deckel, dabei bin ich hier so
ziemlich der einzige, der sich wirklich kennt. Ich kenne mich zu gut. Ich
weiß, daß ich mich zugrunde richte, mein eigenes Grab schaufle, was auch
immer. Aber euch gefällt es nicht, daß
ich das so genau weiß. Ihr hättet es doch gerne, wenn ich mich belügen
würde, damit ihr mich aufrütteln und retten könnt. Ihr sagt, ich bin
ein Säufer, ich sage, ich bin keiner, aber wo ist der Unterschied? Ich
trinke davon nicht mehr und nicht weniger. Zumindest nicht weniger. Ich
schade mir vielleicht selbst, aber euch tue ich doch nur gut. Solange ihr
mich vor Augen habt, seid ihr beschäftigt und müßt euch nicht an eure
eigene Nase packen. Ich bin doch nur Bestandteil eurer eigenen Lebenslügen.«
»Was
willst du damit sagen?« fragte Lonněl mühsam beherrscht.
»Daß
du endlich aufhören sollst, dich selbst zu belügen! Dein Edelmut trieft
aus jeder Pore, du trägst ein Schild um den Hals, auf dem in drei Fuß
großen Buchstaben ‘Held’ geschrieben steht, obwohl du nicht einmal
lesen kannst, und du siehst auch nur das, was du wirklich sehen willst.
Weil dir einmal ein Edelmann geschadet hat, haßt du alle, und egal, was
ich tue, du wirst in mir immer nur einen weiteren Prinzen sehen, dem man
am Besten sofort den Schädel einschlägt. Und doch versuchst du ständig,
mir meine Masken abzunehmen, damit du nicht deine eigene abnehmen mußt -
oder die, die du Schwinge aufgesetzt hast. In deinen Augen ist Schwinge
doch das nobelste, holdeste Geschöpf, das jemals gelebt hat! Du bildest
dir ein, daß du sie liebst!«
»Ich
bilde es mir nicht ein! Ich weiß, daß ich sie liebe!«
»Gar
nichts weißt du! Du glaubst. Du
redest dir ein, daß sie die große wahre Liebe deines Lebens ist. Du
willst sie gar nicht sehen, wie sie in Wirklichkeit ist. Du erfindest
Ausreden dafür, daß sie nicht in der Lage ist, dich ebenfalls zu lieben.
Du schiebst es darauf, daß sie eben eine Elfe ist. Aber in Wirklichkeit
liebst sie dich deswegen nicht, weil sie nicht in der Lage ist, ein
anderes Gefühl zu empfinden als Haß! Verlieb dich in Keil, wenn du
unbedingt Elfen lieben willst. Es würde keinen großen Unterschied
machen, daß er ein Junge ist, wenn es da bei den Elfen überhaupt
Unterschiede gibt. Der Unterschied wäre, daß Keil ein fühlendes Wesen
ist, und Schwinge nicht. Das weißt du selbst. Du bist nicht so dumm, daß
du es nicht mittlerweile gemerkt hättest. Aber solange du es nicht
wahrhaben willst, wirst du dich auf alle Zeiten weiter belügen!«
»Sei
still!« schrie Lonněl. Er wäre am liebsten in der Erde versunken, weil
Schwinge sicher jedes Wort gehört hatte. Gab es denn keinen anderen Weg,
diesen Burschen zum Schweigen zu bringen, als sich mit ihm zu prügeln?
Aber wenn Lonněl Felder jetzt schlug, bedeutete das, daß er ihm Recht
gab. »Du bist doch betrunken!«
»Ist
das alles, was du mir vorwerfen kannst? Trinker und Narren reden die
Wahrheit. Im übrigen denke ich immer noch nüchterner als du. Ich habe
vielleicht meine Gedanken in etwas Watte verpackt, aber ich bin nicht
blind, im Gegensatz zu Leuten, die ihren ganzen Kopf in eine rosa Wolke
stecken. Worauf wartest du noch? Schlag mich endlich. Geh mit dem Schwert
auf mich los. Ich habe die Wahrheit gesagt, und du kannst sie nicht mehr
verleugnen, dafür haben mich zu viele gehört. Tu mit mir was du willst,
aber tu es schnell, denn morgen früh werde ich nicht mehr bei euch sein.«
Lonněl
holte aus und schlug Felder ins Gesicht, so fest er konnte. Felder mußte
seine Hand gesehen haben, aber er wich ihr nicht aus, sondern sah ihn nur
belustigt an, während er sich das Blut vom Mund wischte.
»Ich
gewöhne mich allmählich daran. Irgendwie trefft ihr immer die selbe
Stelle. Geht es dir jetzt besser? Freut dich der Gedanke, daß er große Kämpfer
für die Gerechtigkeit Leute schlägt, nur weil sie die Wahrheit gesagt
haben? Sonst machen das nur wir Tyrannen. Möchtest du noch einmal?
Keine Angst - ich wehre mich schon nicht. Ich warte!«
Lonněl
wußte, daß Felder ihn mit Absicht reizte. Wenn er jetzt noch einmal
zuschlug, hatte Felder endgültig gewonnen. Trotzdem tat er es. Er rammte
dem Prinzen seine Faust in dem Magen, und wäre jetzt nicht endlich Morren
dazwischen gegangen, hätte Lonněl seinen Gegner vermutlich mit bloßen Händen
erschlagen.
»Das
ist genug!« sagte Morren mit schneidender Stimme, die Lonněl durch Mark
und Bein ging. Gleichzeitig berührte er eine Stelle in Lonněls Nacken,
so daß dieser am ganzen Körper erstarrte, wie ein Katzenjunges, das von
seiner Mutter dort gepackt wird. Mehr mußte Morren nicht tun. Lonněl
erkannte plötzlich was er getan hatte. Felder hatte Recht gehabt mit
seiner letzten Behauptung. Wenn er Leute schlug für das, was sie gesagt
hatten, dann war er wirklich keinen Deut besser als die, gegen die er kämpfte.
Er war vielleicht kein Mann der großen Worte. Aber wenn er nicht wußte,
was er sagen sollte, war es besser, gar nichts zu tun. Selbst wenn er sich
derart gemeine Anschuldigungen anhören mußte wie Felders Behauptungen.
Anschuldigungen? Oder Wahrheit?
Plötzlich
wurde Felder klar, wo sie waren, und er sog zischend die Luft durch die Zähne
ein. Zunächst war er so froh gewesen, endlich den Mooren und auch den
Dunklen entkommen war, daß er der Umgebung keine größere Beachtung
geschenkt hatte. Die Hauptsache war, daß es keinen Nebel mehr gab, das
Gras grün war und die Luft voller Geräusche. Eigentlich hatte Felder
immer so etwas wie Erleichterung gespürt, wenn er Thoria verlassen
durfte, aber diesmal war es natürlich vollkommen anders. Und außerdem
war der Ort, von dem sie jetzt kamen, gar nicht mehr Thoria.
Aber
als die erste Euphorie langsam wieder von ihm abfiel, begann er sich
umzusehen. Er kannte diese Gegend. Für Lonněl sah es vielleicht wie
ein ganz gewöhnliches Land mit einigen Äckern und Wäldern und
gelegentlichen Bauernhöfen aus, aber Felder war oft genug hier gewesen,
um zu wissen, wo sie waren. Dies war der südöstliche Rand des Landes
Gondria. Und das war unmöglich.
Drei
Tage hatten sie gebraucht, um Thoria zu durchqueren. Das hieß - sie
konnten es gar nicht durchquert haben. Eine Durchquerung Thorias, wo das
Land am breitesten war, dauerte bestenfalls zehn Tage, und auch nur, wenn
man sehr gut zu Fuß war oder ein Pferd hatte. Sie hatten vorgehabt,
Thoria an seinem nördlichen Rand kurz zu schneiden. Das war innerhalb
von drei Tagen zu schaffen, auch wenn sie vermutlich nur im Kreis
herumgelaufen waren. Aber es war ein Ding der Unmöglichkeit, daß sie
nach diesen drei Tagen hier waren, in Gondria. Sie waren mehr als fünf
Tagesreisen zu weit südwestlich, auf der völlig falschen Seite der
Moore. Diese Strecke konnten sie unmöglich in drei Tagen zurückgelegt
haben. Es sei den …
Felder
begann zu schwitzen. Er war noch zu nüchtern, als daß er die Gedanken,
die ihm jetzt kamen, hätte abstellen können. Nicht umsonst hatte er in
den Mooren das Gefühl gehabt, mit der Zeit stimme etwas nicht. Mit der
Zeit hatte tatsächlich etwas nicht gestimmt. Es war wie bei den Dunklen.
Außerhalb der wirklichen Welt verstrich die Zeit schneller. Oder
langsamer? Jedenfalls lief sie für jeden so schnell, wie die Dunklen es
wollten. Wieviel Zeit war wohl in der richtigen Welt vergangen? Wochen?
Monate? Das wohl kaum. Das Wetter noch genauso sommerlich wie vor vier
Tagen. Vielleicht waren es aber Jahre?
»Morren!«
schrie Felder. Eigentlich hatte er seine Überlegungen für sich behalten
wollen, aber jetzt liefen sie auf ein ernsthaftes Problem hinaus. Und der
Zauberer war der einzige, der ihm vielleicht dabei helfen konnte. Es
kostete ihn einige Anstrengung und Nervenkraft, Morren auf sich aufmerksam
zu machen, aber endlich gelang es ihn, seinen Freund in ein Gespräch zu
verwickeln.
Morren
hörte sich alles schweigend an, dann nickte er.
»Was
deine Beobachtung angeht, so hast du vollkommen recht. Thoria liegt nicht
ganz in der Welt, an die du gewöhnt bist, und die Zeit läuft auch in
anderen Bahnen. Aber es war gut von dir, mich darauf anzusprechen. Du
weißt doch, daß du in mir immer einen Ansprechpartner hast, wenn es um
wichtige Dinge geht. Ich bin dir in sofern dankbar, als daß ich etwas die
Orientierung verloren hatte und nicht die leiseste Ahnung, wo wir hier
sind. Gondria also. Übel. Es wird mich davon abhalten, in Zukunft
weitere Abkürzungen durch verwunschenes Gebiert zu nehmen. Aber ich kann
dich auch beruhigen. Es gibt eine ganz einfache Erklärung für das, was
du bemerkt hast, auch wenn du sie vielleicht etwas schwer zu begreifen
findest. Es könnte dich verwirren.«
»Es
könnte mich kaum mehr verwirren, als ich ohnehin schon bin. Versuch es.«
»Die
Dunklen haben Thoria entführt, das ganze Land mitsamt dem Raum, den es
einnahm. Zurück blieb nur ein Nichts im wahrsten Sinne des Wortes. Soweit
ist es noch verständlich, vermute ich. Bist du überhaupt noch aufnahmefähig?«
»Willst
du mich beleidigen?«
»Nichts
läge mir ferner. Jetzt kommt der verzwickte Teil. Alle Länder, die
Thoria umgaben, sind noch da, und sie haben nichts von ihren Grenzen
verloren. Das heißt also, Thoria hat, obwohl es keine Fläche mehr hat,
den selben Umfang wie vorher. Wenn du also Thoria, oder die Moore, wie du
es zu nennen beliebst, umrunden willst, brauchst du Wochen. Aber du kannst
hineingehen, und wenn du hinauskommst, bist du am anderen Ende. Es ist
nicht so, daß gar kein Raum da wäre. Dieser Ort, der uns tagelang
festgehalten hat, ist immer noch wirklicher als das Nichts, wie dir
unschwer aufgefallen ist. Das liegt daran, daß Thoria von seinen Grenzen
zusammengehalten wird. Hast du verstanden, was ich meine?«
»Ich
sehe nicht, wo das Problem sein soll«, sagte Felder. »Es ist wie deine
Tasche, die so klein aussieht, und man kann die ganze Welt hineinstopfen,
nur umgekehrt. Dies erleichtert mich ungemein. Du meinst also, wir haben
wirklich keine Zeit verloren? Wir waren wirklich nur die drei Tage dort?«
Möglicherweise
hatte Morren eine Vorstellung davon, daß Felder in seinem ganzen Leben
kaum jemals so erleichtert gewesen war. Aber er zuckte nur die Schultern
und lächelte geheimnisvoll. »Warte auf den Mond, dann weißt du Näheres.«
Felder
war so klug wie vorher. Aber er wußte immerhin, daß er nicht länger
zaudern durfte. Noch in den Mooren war sein Entschluß gereift. Er mußte
diese Gruppe verlassen. Natürlich war es mit ihnen zusammen nett gewesen,
oder zumindest nicht langweilig. Trotzdem hatte es ihm nicht den Spaß
gebracht, den er sich erhofft hatte. Morren war unsterblich, aber das würde
keinem außer ihm jemals etwas nutzen. Und der Anblick der langlebigen
Elfen rieb Felder jeden Tag seine eigene Sterblichkeit unter die Nase.
Diese Leute lenkten ihn nicht von seinen Gedanken ab. Vielmehr zwangen sie
ihn, stärker denn je über diese Sachen zu grübeln. Außerdem machten
sie gleich einen Elch aus jeder Ameise. Niemand in Thoria, von Tarnil
einmal abgesehen, der auch an allem herummeckern mußte, wäre auf die
Idee gekommen, Felder Vorhaltungen wegen des Trinkens zu machen. Aber Lonněl
und Morren, die immer den Mund so weit aufreißen mußten, würden niemals
begreifen, daß er diese Reisen und Abenteuer brauchte, um nicht soviel
trinken zu müssen. Vor allem würden sie es ihm dann nicht glauben, wenn
er das tat, was er für den Abend vorhatte.
Es
war ein glücklicher Zufall, daß sie gerade in dieser Gegend gelandet
waren. Da gab es einen Bauer ganz in der Nähe, der ein wirklich
phantastisches
Zeug brannte. Bei ihm würde Felder seine Flasche auffüllen, oder am
besten gleich noch eine zweite kaufen. Und am nächsten Tag, oder
vermutlich eher am nächsten Abend, würde er aufstehen und ein neues
Leben beginnen. Keine Elfen, Zauberer oder Dunklen mehr. Dieses Gesocks
hatte ihn schon in genug Schwierigkeiten gebracht. Statt dessen: Menschen,
aller Altersgruppen und vor allem aller Geschlechter. Seit er mit Schwinge
zusammen reiste, hatte Felder schon fast vergessen, wie eine richtige
Menschenfrau aussah. So etwas gedachte er nun zu finden.
Zum
ersten Mal in seinem Leben war er wirklich frei, das zu tun, was er
wollte. Es gab keinerlei Verpflichtungen mehr für ihn. Er war freier als
alle Menschen, die er jemals getroffen hatte. Sein Leben lag noch komplett
vor ihm. Vielleicht gehörte ihm Thoria nicht mehr. Aber dafür gehörte
ihm jetzt die Welt.
Der
Bauer war noch genau da, wo Felder ihn in Erinnerung hatte. Und er war
noch genauso glücklich wie früher, wenn sich jemand für seinen Schnaps
interessierte - oder ihm Gold gab. Felder bekam alles, was er wollte, auch
wenn die Augen seiner Gefährten aus sicherer Entfernung argwöhnisch
bis haßerfüllt auf ihm ruhten. Vielleicht war es jetzt an der Zeit, sie
in seine Abschiedspläne einzuweihen.
»Ich
werde euch jetzt verlassen«, sagte er. Wozu lang um den heißen Brei
herumreden? »Ich habe euch schon genug in Schwierigkeiten gebracht, und
darum ist es wohl das beste, wenn sich unsere Wege jetzt trennen. Um es
genau zu sagen, werde ich jetzt anfangen, mich zuzukippen, und da ich
euch den Anblick nicht zumuten möchte,
solltet ihr gehen, bevor es zu spät ist. Nehmt diese schmackhafte Wurst
hier als Andenken. Der Bauer hat sie mir geschenkt, weil er fand, sie
passe besonders gut zu seinem Hausgebrannten, aber ich da ich keinen
besonderen Hunger habe, ist es voll besser, wenn ihr sie eßt.«
Das
war nicht ganz das, was der Bauer gesagt hatte. In der Tat hatte der Text
gelautet: »Also gut, mein Junge, ich verkaufe dir wirklich zwei Flaschen, aber dafür bestehe ich auch darauf, daß du diese
Wurst hier vorher ißt. Du solltest auf jeden Fall etwas Solides im Bauch
haben.« Aber warum hätte Felder auch versuchen sollen, dem gewünschten
Effekt entgegenzuwirken?
Ein
Stöhnen und ein kaum merkliches Zucken deuteten darauf hin, daß langsam
wieder Leben in das nasse Bündel auf dem Scheunenboden kam.
»Er
lebt!« rief Lonněl. »Er kommt zu sich!«
»Das
wurde ja auch langsam mal Zeit«, sagte Morren. »Vier Eimer voll Wasser!
Wenn er auf den nächsten nicht reagiert hätte, wäre selbst ich mit
meiner Weisheit am Ende gewesen. Dann hätten wir ihm nur noch zu einer
gelungenen Aktion gratulieren können. Saubere Arbeit, allerdings nur im
übertragenen Sinn.«
Das
Stöhnen wurde lauter. Felder rührte sich und machte sogar den Ansatz,
ein Auge zu öffnen. Aber es dauerte noch einige Momente, bis in seinem
Blinzeln so etwas wie Erkennen lag, oder zumindest Wahrnehmung der
Umgebung. Dann ertönte ein weiteres Stöhnen. Das Auge schloß sich
wieder.
»Sei
so gut, Lonněl, und hol noch etwas Wasser«, sagte Morren. »Ich denke,
er kann noch etwas vertragen.«
Lonněl
nahm den leeren Eimer und lief nach draußen, um ihm am Brunnen zu füllen.
Morren bedachte Felder mit einem unbarmherzigen Blick, und so stand er
auch noch, als Lonněl zurück kam. Der fünfte Eimer schaffte es endlich,
Felder das volle Bewußtsein wiederzugeben, auch wenn dieser darüber nur
bedingt glücklich schien. Er lehnte sich mit einem Mittelding aus Liegen
und Sitzen gegen die Scheunenwand, blickte verwirrt zwinkernd um sich und
litt offensichtlich.
»Ich
frage mich, was du dir dabei gedacht hast«, sagte Morren nachdenklich.
»Es sah weniger so aus, als ob du dich betrinken wolltest, sondern mehr,
als ob du möglichst schnell aus dem Leben scheiden wolltest. Wie ist es -
wolltest du sterben?«
»Ich
bin gerade dabei«, ächzte Felder, »und ich wäre dir dankbar, wenn du
das Licht von meinem Gesicht wegnehmen könntest.«
Lonněl
schüttelte den Kopf. Die Hände des Zauberers waren leer. Das einzige
Licht fiel von draußen durch einige Ritzen zwischen den Brettern
hinein, und es war eher schummrig in der Scheune. Aber selbst das war
Felder in seinem derzeitigen Zustand wohl zuviel. Seine Augen waren rot
und verquollen.
»Geht
weg! Laßt mich sterben!«
»Wir
hätten uns wohl kaum einen Tag und zwei Nächte darum bemüht, dich ins
Leben zurückzurufen, wenn wir dich jetzt sterben ließen«, bemerkte
Morren trocken. »Das hast du natürlich wie üblich unserem Freund Lonněl
zu verdanken. Nichts bereitet ihm mehr Vergnügen, als dir das Leben zu
retten. Auch wenn es diesmal extrem unvergnüglich war, nicht wahr, Lonněl?«
Lonněl
antwortete nicht und versuchte, auch nicht mehr an die vorletzte Nacht
zu denken. Es war einfach nur widerlich gewesen.
»Erwartet
keine Dankbarkeit von mir«, nuschelte Felder. »Ein schöner schneller
Tod wäre diesem Elend eindeutig vorzuziehen gewesen, ganz gleich, ob ich
es nun überlebe oder nicht.«
»Also
wolltest du dich wirklich umbringen?«
»Ich
glaube, ich hatte die Möglichkeit in Betracht gezogen. Frag mich doch
nicht so was Schweres! Ich versuche gerade auf die Reihe zu bekommen,
wer ich bin, wer ihr seid, und wie ich in dieses Loch hier gekommen bin.
Ihr könntet euch ruhig einmal nützlich machen, statt da rumzustehen und
zu gaffen. Ich bin mir ziemlich sicher, daß ich früher weniger Zunge
hatte. Im Ausgleich dazu konnte ich sie so bewegen, wie ich wollte. Habt
ihr nichts zu trinken?«
»Du
hast nichts übrig gelassen«, bemerkte Morren.
»Wasser,
ihr Idioten!«
»Man
sollte meinen, auch davon hättest du mehr als genug gehabt. Es ist aber
noch ein Rest im Eimer.«
Lonněl
reichte Felder dem Eimer, aber die Hände des Prinzen zitterten so stark,
daß er ihn nicht alleine halten konnte. Schließlich mußte Lonněl ihm
das Wasser beinahe einflößen, denn Felder versuchte zu trinken, ohne
dabei den Kopf auch nur einen Deut zu bewegen. Der größte Teil des
Wassers lief ihm über Kinn und Hals, aber das machte ihm wohl weniger aus
als sein Brummschädel.
»Was
hast du mit mir gemacht, Zauberer?« wimmerte er. »Warum müßt ihr mich
derart bestrafen?«
»Weil
du es nicht anders verdient hast«, sagte Morren unbarmherzig. »Mach den
Mund wieder auf!« Er zog einen kleinen Beutel aus der Tasche und schüttete
daraus etwas Pulver in Felders gehorsam geöffneten Rachen. Felder
schluckte reflexartig, verzog das Gesicht, hustete, würgte und riß
ungeachtet aller damit verbundenen Körperbewegungen den Eimer an sich, um
den letzten Schluck Wasser dem Pulver hinterherzugießen.
»Willst
du mich auch noch vergiften? Was war das - Brechwurz?«
»Nein,
das hast du nicht mehr nötig. Du hattest es vorgestern mindestens so
eilig, den Fusel wieder von dir zu geben, wie du ihn in dich hineingeschüttet
hast - was dir übrigens wohl das Leben gerettet hat. Das hier war zerstoßene
Weidenrinde. Wirkt meiner Erfahrung nach ganz gut in solchen Fällen. Aus
meiner Zeit in diesem Dorf hatte ich noch ein paar von den hilfreichen Kräutern
in der Tasche. Ich wußte immer, daß es ein Fest gegeben hatte, wenn die
Dorfjugend kam und etwas gegen Kopfschmerzen und Übelkeit haben wollte.
Da mein geschätzter Bruder viel Zeit für seine Studien braucht, blieb
die Aufgabe, sich um diese Kinder zu kümmern, für gewöhnlich an mir hängen.«
»Sie
gingen zu einem Zauberer?« fragte Lonněl erstaunt. »In meinem Dorf
hatten wir zu diesem Zweck eine Kräuterfrau.«
»So
etwas gab es in unserem Dorf natürlich auch. Es gibt sie überall -
unsere Freundin Oana zum Beispiel war mit Sicherheit eine. Aber unser Kräuterweib
wurde eines Tages vom Blitz erschlagen, und das sahen die Leute als
Zeichen dafür an, in Zukunft bei uns um Wunder zu bitten. Sie zahlten
ganz anständig. Vermutlich hatten sie Angst, wir könnten sonst auch
Blitze auf den Hals schicken. Jedenfalls konnte man diesem Leuten mit
Zaubereien nicht viel weiterhelfen. Sie waren an Kräuter gewöhnt, und
darum wollten sie nichts anderes.«
»Freiwillig?«
fragte Felder und schüttelte sich. Es schien ihm aber tatsächlich schon
etwas besser zu gehen. Er hatte jetzt beide Augen fast voll geöffnet und
stöhnte nicht mehr bei jeder Bewegung auf, und das, was er sagte, war
jetzt auch deutlicher zu verstehen. »Sie müssen wahnsinnig sein. Glaubt
es mir oder nicht, aber dies ist das erste Mal in meinem Leben, daß es
mir derart dreckig geht, und ich habe beschlossen, daraus meine Lektion zu
lernen.«
»Soll
das heißen, du hörst auf mit dem Trinken?« fragte Lonněl. Das wäre
zwar phantastisch gewesen, aber er glaubte nicht daran. Es war eine
natürliche
Reaktion, am nächsten Tag zu schwören, nie wieder einen Tropfen anzurühren.
Und Felder hatte nicht einmal das vor.
»Bloß
nicht! Aber ich werde es in Zukunft wieder so unter Kontrolle halten wie
früher. Ab einem gewissen Punkt hört es auf, angenehm zu sein. Es gibt
sicher schönere Arten, sein Leben zu verlieren, und ich habe doch vor, es
noch einige Zeit zu behalten, zumindest für ein paar Jahre. Es gibt
soviel, was ich noch tun kann. Aber … waren wir nicht früher mal zu fünft?
Wo sind die Elfen?«
»Sie
konnten deinen Anblick nicht länger ertragen«, sagte Lonněl, »und ich
kann es ihnen nicht verdenken.«
»Du
hast Keil innerhalb von einem Abend mehr über Menschen beigebracht, als
er jemals wissen wollte«, fügte Morren hinzu. »Er und Schwinge warten
in einem Wäldchen dort drüben auf uns. Wenn es nach ihnen gegangen wäre,
dann hätten wir dich wirklich deinem Schicksal überlassen, und wären
weg gewesen, noch bevor du weg warst.«
Felder
verzog wieder das Gesicht beim Versuch nachzudenken. »Zu meiner
Information - habe ich irgend etwas … zu ihnen gesagt? Erzählt mir das
nur noch, dann könnt ihr wirklich gehen und mich allein lassen. Ich werde
euch keine Probleme mehr bereiten. Ich komme schon zurecht. Also … was
habe ich noch getan?«
»Gar
nichts. Ich habe in all der Zeit noch nie jemanden gesehen, der es so
eilig hatte wie du. Du hast länger gebraucht, die zweite Flasche zu öffnen,
als sie hinunterzustürzen, falls es dich beruhigt. Danach dauerte es
nur noch ein paar Augenblicke, und du bist vornüber gekippt. Vielleicht hättest
du vorher die Wurst essen sollen. Drei Tage hungern und dann das -
vermutlich hätte jeder andere nur die erste Flasche geschafft. Es war
wohl ziemlich stark?«
Felder
nickte mit nicht zu übersehendem Stolz und brachte ein verzerrtes Lächeln
zustande. »Niemand weiß, wie er es macht. Vermutlich gibt es auf der
ganzen Welt keinen Bauern, der ein stärkeres Zeug brennt. Es heißt, man
muß es nur einmal schief ansehen, und es geht in Flammen auf. Abgesehen
davon schmeckt es durchaus passabel. Der Bauer wird sich sicher wundern,
wenn ich heute abend zu ihm gehe und meine Vorräte wieder auffrische.
Wenn er sieht, daß ich noch lebe, wird er sich sicher daran machen, die
Rezeptur noch etwas zu verbessern. Und jetzt - macht es gut. Viel Erfolg
noch auf eurer Suche. Aber ohne mich dürfte es nicht mehr schwer sein. Wünscht
mir Glück.« Ohne weitere Vorwarnung verdrehte er die Augen, und sein
Kopf kippte nach vorne. Aber sein gleich darauf einsetzendes Schnarchen
machte klar, daß er nicht wieder bewußtlos geworden, sondern nur
eingeschlafen war. Wenn er wieder wach wurde, würde es ihm sicher besser
gehen.
Lonněl
und Morren verließen die Scheune und gingen zum Wald hinüber. Die
Elfen warteten schon auf sie. Jetzt erst fiel Lonněl auf, was er
vergessen hatte: Felders Schwert hing immer noch an seiner Seite. Früher
hätte er das zwar nicht für möglich gehalten, aber er hatte sich so
sehr an das sperrige, schwere Ding gewöhnt, daß er vergessen hatte, es
Felder zurückzugeben. Dabei wollte er es doch gar nicht behalten! Aber
jetzt war es zu spät. Lonněl überlegte zwar noch kurz, ob er zurücklaufen
und das Schwert neben Felder legen sollte, damit er es fand, wenn er
aufwachte, aber die Elfen waren nicht länger bereit, noch länger zu
warten. Das war auch nur zu verständlich. Wegen Felders Unvernunft
hatten sie schon zwei Tage in diesem Wäldchen ausharren müssen, obwohl
sie es sicher kaum erwarten konnten, endlich die Flöte in den Händen zu
halten.
Sie
waren schon ein ganzes Stück gegangen, als Lonněl plötzlich begriff,
wie nötig Felder sein Schwert jetzt brauchen würde. Mit dem Dolch, den
er ansonsten noch hatte, würde er alleine nicht weit kommen. Und von
was wollte er leben? Aber das wollte Lonněl lieber nicht so genau wissen.
Erstaunlicherweise
konnte Lonněl nicht einmal sagen, ob Felder ihm nun fehlen würde oder
nicht. Auf der einen Seite war er froh, diese lästige Nervensäge los zu
sein. Aber auf der anderen Seite … Es war auf einmal so ruhig. Niemand
redete. Zwar hatte Lonněl nur auf das Allerwenigste von dem, was Felder
sagte, geachtet, weil es sich oft nicht lohnte, ihm zuzuhören, aber
irgendwie war er längst daran gewöhnt. Dieses Schweigen hatte etwas Bedrückendes
an sich.
Doch
trotz aller doch vorhandener Zuneigung, die Lonněl dazu bewegt hatte, bei
Felder zu bleiben und sich um ihn zu kümmern, bis sicher war, daß er überlebt
hatte, war es doch das Beste, daß der Prinz nicht mehr dabei war. Dinge,
die ihm Felder während des Streites an den Kopf geworfen hatte, drängten
sich nun wieder in Lonněls Sinn: Daß er alles nur so sah, wie er es
sehen wollte. Obwohl Lonněl vorgegeben hatte, nichts um diese Behauptung
zu geben, konnte er doch nicht verhindern, daß sie nun an ihm nagte.
Und genau deswegen war es gut, daß ihm nun weitere Konfrontationen mit
Felder erspart bleiben würden. Nachdem dieser Streit einmal angefangen
hatte, war er nicht mehr so leicht beiseitezulegen. Früher oder später hätte
Lonněl, statt zuzuschlagen, Stellung zu dem beziehen müssen, was
Felder gesagt hatte - und genau das konnte er nicht. Natürlich liebte er
Schwinge - oder liebte er nur das Bild, das er sich von ihr gemacht hatte?
Hatte sie ihm jemals Anlaß gegeben, sie zu lieben? Was waren seine Gefühle?
Etwas in seinem Innern krampfte sich schmerzhaft zusammen, als Lonněl
merkte, daß er die ganze Zeit über nur versucht hatte, Felders Wesen zu
ergründen - und dabei völlig versäumt hatte, sich über sich selbst
klar zu werden.
Bedrückt
folgte er Schwinge in einigen Schritten Entfernung, als Keil an ihn
herantrat. »Er wird es doch überleben, oder? Ich meine - ich habe etwas
Derartiges noch nie gesehen.«
Weder
Lonněl noch Morren hatten gegenüber den Elfen auch nur ein Wort über
Felders Zustand verloren, und die hatten auch nicht danach gefragt.
Lediglich ein leichtes Kopfnicken Morrens hatte angedeutet, daß jetzt
alles wieder in Ordnung war. Aber Lonněl hatte erwartet, daß Keil
irgendwann fragen würde.
»Du
kannst sicher sein - ich auch nicht. Ich habe sicher schon etliche
Betrunkene erlebt, aber das …« Er schüttelte sich. »Wenn wir uns
nicht um ihn gekümmert hätten, wäre er gestorben. Ich bin mir nicht
sicher, aber ich glaube, Morren hat etwas mit ihm gemacht, daß ihn
gerettet hat. Etwas … Magisches, meine ich.«
»Oh«,
sagte Keil betroffen. »Hat Felder das gewußt - daß es ihn umbringen
konnte?«
»Mit
Sicherheit. Er hat es darauf ankommen lassen. Du kennst ihn - es ist ihm
egal, ob er eine Sache überlebt oder nicht.«
»Das
glaube ich nicht«, sagte Keil. »Ich bin kein Mensch, und vermutlich
irre ich mich, aber ich hatte immer den Eindruck, daß Felder so sehr an
seinem Leben hängt, daß er gar nicht mehr daran glaubt, daß er es
wirklich verlieren könnte. Er sagte zwar immer, er wünsche sich einen
schönen schnellen Tod, aber was er in Wirklichkeit wollte, war
Unsterblichkeit. Irgendwann hatte er so viele Gefahren überlebt, daß er
angefangen hat zu glauben, er sei wirklich unsterblich. Und darum muß er
jetzt sein Leben immer wieder herausfordern, um zu sehen, ob er Recht hat.«
Keil schwieg einen Moment, bevor er fortfuhr: »Schwinge ist natürlich
froh, daß er weg ist, aber ich glaube, er wird mir fehlen. Ich mochte
ihn. Irgendwie habe ich ihn bewundert, glaube ich.«
»Aber
er hat es überlebt, Keil! Du redest von Felder, als ob er schon tot wäre!«
»Wenn
er nicht wirklich unsterblich ist, wird er es beim nächsten Mal nicht überleben.«
»Ich
denke nicht, daß er es noch einmal tun wird«, sagte Lonněl und mußte
gegen seinen Willen plötzlich lachen. »Weniger aus Angst davor, daß
es ihn umbringt, sondern daß er es noch einmal überlebt.« Und er erzählte
dem zugleich faszinierten und entsetzten Elfen davon, wie sehr der
Thorianer beim Erwachen gelitten hatte.
Aber
seine Gedanken waren dabei nicht bei Felder, sondern bei Schwinge und ihm
selbst. Wäre die Elfe in der Lage, seine Liebe zu erwidern? Hatte sie
jemals Liebe zu irgend etwas gezeigt? Sie mochte keine Menschen, und er
konnte es ihr nicht verdenken. Aber warum nicht? Die Menschen waren doch
nicht böse! Es gab gute und schlechte Menschen, und sicher waren
diejenigen, die Schwinges Eltern getötet hatten, von der sehr bösen
Sorte gewesen, aber das bedeutete doch nicht, daß es überhaupt keine
guten Menschen gab! So zu denken war falsch, es war wie … wie …
wie
zu denken, daß alle Adligen schlecht waren, nur weil einer von ihnen
seine Familie getötet hatte.
Erst,
als er Keil besorgt fragen hörte und die schlanke Hand des Elfen auf
seinem Arm fühlte, merkte Lonněl, daß er, zum ersten Mal seit vielen
Jahren, zu weinen begonnen hatte.
Diese
Gegend wurde ziemlich stark von den Menschen besiedelt. Seit Felder sie
verlassen hatte, waren sie schon an zwei umfriedeten Ortschaften
vorbeigekommen, und die Getreidefelder der Bauernhöfe umsäumten ihren
Weg. Zum Glück waren genug Bäume geblieben, um ihnen Schatten und Schutz
zu spenden, denn der Sommer war in seinen wärmsten Abschnitt
eingetreten. In den Wäldern waren die Sommer niemals so heiß gewesen -
auch die wärmsten Tage dort waren im Vergleich zu diesen immer noch
angenehm kühl. Vielleicht lag es aber auch daran, daß sie nun immer
weiter nach Süden wanderten und noch vielleicht einen halben Monat von
den Glühenden Höhen entfernt waren. Schwinge hielt ihre Augen auf den
Horizont gerichtet, in der Hoffnung, dort endlich die ersten Ausläufer
der Berge zu entdecken. Aber nur im fernen Westen gab es die Schatten
einer Bergkette.
Die
Reise verlief angenehmer ohne Felder, weniger hektisch. Endlich konnten
sie wieder in ihrer Zeit leben und bekamen nicht mehr den sehr viel
schnelleren, hastigen Rhythmus der Menschen aufgedrängt. Alles wäre gut
gewesen ohne Lonněl. Aber nun, da der andere Mensch ihn nicht mehr
ablenken konnte, entwickelte er sich zu einem echten Problem. Immer wieder
kam er zu ihr.
»Schwinge,
ich muß mit dir reden … bitte! Es ist wichtig!«
Warum
begriff er nicht, daß sie nicht mit ihm reden wollte? Alles, was sie ihm
zu sagen hatte, war gesagt worden. Was sollte sie tun? Mehr als zu
wiederholen, daß sie nichts weiter von ihm wollte als ihren Frieden,
konnte sie nicht. Schließlich suchte sie Rat bei Morren.
»Vielleicht
solltest du tatsächlich mit ihm reden?« schlug der Zauberer vor. »Die
Sache ist die - er weiß nicht mehr, was er von dir denken soll. Und er möchte
von dir einen Rat, was er tun soll.«
»Er
soll gehen«, erwiderte Schwinge. »Meine Einstellung ihm gegenüber hat
sich nicht geändert. Natürlich glaube ich jetzt, daß er uns wirklich
helfen will, aber ich kann auf seine Hilfe verzichten, und ich mag die Art
nicht, wie er mich immer ansieht.«
»Dann
sage ihm das«, sagte Morren. »Am Besten noch heute. Vielleicht wird er
ja diesmal auf dich hören.«
Schwinge
zögerte lange. Sie konnte nicht einfach zu Lonněl hingehen und es ihm
sagen. Aber dann nahm Lonněl ihr dieses Problem ab. Als sie am Abend um
das Feuer saßen, stand der Mensch plötzlich auf.
»Ich
habe nachgedacht«, sagte er laut. »Das geht so nicht mehr weiter. Und
ich habe einen Entschluß gefaßt, den du vermutlich begrüßen wirst,
Schwinge. Bevor ich weiß, ob ich dich wirklich immer noch liebe, muß ich
erst einmal Abstand zu dir gewinnen. Morren meinte auch, es wäre
vielleicht das Beste, wenn ihr das letzte Stück eurer Suche ohne
menschliche Begleitung zurücklegt. Immerhin geht es um die Zukunft der
Elfen, nicht um die der Menschen. Wäret ihr damit einverstanden, mich
hier zurückzulassen? Ich habe euch nie in dem Maße helfen können, wie
ich es gerne getan hätte.«
»Du
willst auch gehen, wie Felder?« fragte Keil, und es klang bedauernd.
Aber der Barde schien ja selbst Felder zu vermissen.
»Ich
war sehr gerne mit euch zusammen«, antwortete Lonněl. »Und ich wäre es
gerne noch immer. Wenn ihr die Flöte gefunden habt, und ihr glaubt, mich
auf dem Rückweg noch ein Stück lang ertragen zu können, dann kommt
wieder hier vorbei. Wir könnten einen Treffpunkt ausmachen. Wenn ich dann
dort bin, dann hat mein Herz seine Entscheidung gefällt, und ich weiß,
daß ich Schwinge wirklich liebe. Sollte ich nicht dort sein, dann bin ich
die ganze Zeit hinter einem Traum hergelaufen, den es niemals gab, und ich
werde euch nie wieder belästigen.«
Schwinge
hätte ihm niemals derartige Vernunft und Selbstbeherrschung zugetraut.
Sie wußte nichts, was gegen diesen Vorschlag gesprochen hätte.
Immerhin ließ Lonněl ihr die freie Wahl, auch wenn sie jetzt schon wußte,
daß sie nicht zu ihm zurückkehren würde. Ihr entging nicht, wie
schwer dem Menschen diese Eröffnung gefallen war. Sein Vorschlag war für
alle das Beste, auch für ihn. Sicher würde er schnell merken, daß er
sie nicht wirklich geliebt hatte, und selbst wenn sie diese Gegend auf dem
Rückweg noch einmal durchquerten, würde er sicher nicht mehr dort sein.
Zum
ersten Mal lächelte sie Lonněl aus freiem Herzen an. »Ich möchte dein
Angebot annehmen.«
Als
Lonněl jetzt zuerst schluckte und dann zu schluchzen anfing, wußte sie
nicht, ob er dies nun vor Erleichterung tat oder vor Kummer, weil er sie
verlassen mußte. Aber eigentlich war es ihr auch relativ egal.
Am
nächsten Morgen, als ihr Weg sie an einem Gasthaus vorbeiführte, sagte
der Mensch: »Wartet! Ich glaube, das hier ist der beste Ort, um uns später
wieder zu treffen - wenn ihr kommen wollt und ich noch hier bin. Seid ihr
einverstanden?«
Schwinge
und die anderen nickten. Lonněl blickte zu Boden, dann umklammerte er
seinen Stab mit beiden Händen, drehte sich langsam um und betrat das
Haus. Sie waren ihn los, aber seltsamerweise fühlte sich Schwinge nicht
so erleichtert, wie sie vorher angenommen hatte. Auf eine gewisse Weise
hatte sie sich an ihn gewöhnt, wie auch an Felders verquere Abhandlungen
über die Zeit.
Es
war merkwürdig. So plötzlich, wie diese Menschen in ihr Leben getreten
waren, waren sie nun wieder verschwunden. Aber es war das Beste, so wie es
war. Jetzt endlich konnten sie sich auf das konzentrieren, weswegen sie überhaupt
aufgebrochen waren: Die Flöte aus Eis zu finden.
Fortsetzung
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